Mal wieder etwas Literarisches 😉
Meine neueste Kurzgeschichte aus der Schule des Schreibens (Aufgabe BB10). Viel Spaß!

Der Schlüssel

Tastend bewegten sich Carlas Finger über den alten Bartschlüssel. Groß und schwer wie ein Relikt aus alten Zeiten fühlte er sich an. Und nichts anderes war er im Grunde auch. Wie zierlich erschienen ihr daneben der Schüssel für das moderne Sicherheitsschloss und der Briefkastenschlüssel. Dann gab es noch einen vierten, sehr kleinen Schlüssel, für den Frau Köhler keine Erklärung hatte.
Die Frau stand noch hinter ihr, als Carla den Schlüssel zögernd in das Türschloss schob. Das Sicherheitsschloss darüber hatte sie bereits geöffnet. Der Schlüssel hakte. Carla erinnerte sich. Man musste ihn ein klein wenig hin und her schieben, bis er genau dort einrastete, wo man ihn schließlich drehen konnte.
„Das ist wirklich eine Zumutung mit den alten Dingern“, lamentierte Frau Köhler lautstark. „Aber die Hausverwaltung schert sich ja einen Dreck darum, ob unsere Wohnungen sicher sind oder nicht. Und wem das Haus überhaupt gehört, weiß hier niemand.“
Carla hätte es ihr sagen können.
„Die Sicherheitsschlösser haben wir uns nämlich alle auf eigene Kosten einbauen lassen, müssen Sie wissen. Und die Wohnung hier steht auch schon ewig leer.“
Carla gab der Tür einen kleinen Schubs, dann drehte sie sich um.
„Danke Frau Köhler. Ich komme jetzt gut alleine klar.“ Es war gar nicht so einfach für sie, die richtigen deutschen Begriffe zu finden. Zu lange hatte sie diese Sprache nicht mehr benutzt.
Die Frau sah sie mit verkniffenem Mund an. Sie wirkte beleidigt.
„Na, wenn Sie meinen. Sie wissen ja, wo Sie mich finden.“ Sie drehte sich um und ging betont langsam die Treppe hinunter.

Carla betrat den langen, schmalen Flur und ließ die Tür hinter sich zufallen. Muffig roch es hier und es war dunkel. Die Türen, die vom Flur zu den anderen Räumen abgingen, waren alle geschlossen. Ohne große Hoffnung, dass er funktionieren würde, betätigte Carla den Lichtschalter. Sicher war der Strom längst abgestellt worden. Aber, o Wunder, an der Decke ging eine Lampe an. Carla blickte direkt in den kleinen Spiegel mit den blinden Flecken. Wie eh und je wurde er rechts und links von tütenförmigen Lämpchen flankiert. Für einen Moment schien ihr Spiegelbild mit einem anderen Bild zu verschmelzen. Anstelle der immer noch attraktiven älteren Frau mit dunklem Teint und einer modernen Kurzhaarfrisur, blickte sie in das schmale Gesicht eines Kindes. Das Mädchen schaute sie aus großen Augen an. Krause, schwarze Haare waren auch durch die fest geflochtenen Zöpfe nur schlecht zu bändigen. Dann war der Moment vorbei. Carla zog ihren eleganten Mantel aus und sah sich nach der Garderobe um. Sie stand dort, wo sie schon immer gestanden hatte. Die Holzbügel, die Carla unter Anleitung der Großmutter mit buntem Garn umhäkelt hatte, waren leer. Sie hängte den Mantel auf und seufzte.

Nacheinander betrat sie jeden Raum. Nichts hatte sich verändert. In der Mitte der Küche stand noch immer der Holztisch mit den vielen Flecken und Schrammen, an dem sie nicht nur zum Essen gesessen hatten. An ihm hatte Carla ihre Hausaufgaben erledigt und die Großmutter hatte dort gebügelt. Und sie erinnerte sich an alte Fotos, auf denen man sehen konnte, dass er auch schon als Wickeltisch gedient hatte. Carla zog die Rollläden hoch und öffnete das Küchenfenster. Sie blickte in den Hinterhof. Viele Mülltonnen standen dort, wo sie als Kinder „Himmel und Hölle“ und Gummitwist gespielt hatten. Sie erinnerte sich an das Getuschel der Mütter, die oft ungeniert mit dem Finger auf sie gedeutet hatten. Negerkind. Die Mutter war eine Schlampe. Die Großmutter kann einem leidtun.

Carla lief weiter in das Wohnzimmer mit den alten abgetretenen Teppichen und den schweren Möbeln. Im Bücherregal standen die alten Hanni und Nanni Bände einträchtig neben Readers Digest und einem zwölfbändigen Meyers Konversationslexikon von 1930. Und hier stand auch Carlas altes Bett. Ein eigenes Zimmer hatte sie nie gehabt. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Das war alles, was sich die Großmutter gegönnt hatte, nachdem sie verstanden hatte, dass Opa Karl nicht mehr aus dem Krieg zurückkehren würde. Und dann war ihre einzige Tochter verschwunden und hatte ihr die kleine Charlotte dagelassen.
Carla ging weiter und öffnete die Schlafzimmertür. Auch hier roch es muffig. Ein wandhoher Spiegel, vor dem sie sich als Kind oft hin und her gedreht hatte, um zu verstehen, warum sie so anders sein sollte, war mit einem Laken verhängt. Sie öffnete schnell das Fenster. Das Schlafzimmer war das Allerheiligste ihrer Großmutter gewesen. Zwei wuchtige Ehebetten aus einem rötlich schimmernden, hochglanzpolierten Holz nahmen zwei Drittel des Raumes ein. An der Wand stand ein nicht minder beeindruckender Kleiderschrank. Als Carla etwa vierzehn Jahre alt gewesen war, hatten ihre endlosen Diskussionen begonnen.

„Oma, bitte, ich brauche ein eigenes Zimmer. Ein richtiges Zimmer. Wozu brauchst du dieses Doppelbett? Kannst nicht du ins Wohnzimmer ziehen? Bitte.“
Aber auf diesem Ohr war die Großmutter taub gewesen.
„Wozu brauchst du denn ein eigenes Zimmer, Charlotte? Hast du etwa Heimlichkeiten vor mir? Nimm dich in Acht. Es reicht, dass deine Mutter uns in Unglück gestürzt hat.“
„Ich bin nicht meine Mutter, Oma! Vertrau mir doch.“

Carla wusste inzwischen längst, was sie und ihre geliebte Großmutter zu Außenseitern machte. Eine Nachbarin hatte ihr irgendwann mit abfälligen Worten klargemacht, dass ihre Mutter eine Amihure gewesen sei.
„Und dann auch noch mit einem Neger. Du kannst einem leid tun, Kind. Kein anständiger deutscher Mann wird irgendwann etwas mit dir zu tun haben wollen. Deine Großmutter hätte mal besser auf ihre Tochter aufpassen sollen.“
Sie hatte Carla abschätzig von oben bis unten taxiert. „Hübsch bist du ja. Aber lass bloß die Finger von meinem Jungen.“
Carla hatte ihr nicht erzählt, dass Martin sie neulich im Keller begrapscht hatte, als die Großmutter sie zum Kartoffel holen hinuntergeschickt hatte.

Wie lange war das alles her! Vor vier Wochen hatte sie ihren zweiundsechzigsten Geburtstag gefeiert. Carla hatte ihr Glück auf Umwegen gefunden. Als sie achtzehn geworden war, fiel einem Fotografen ihr exotisches Äußeres auf. Gertenschlanke Models lösten in den Siebzigern allmählich die etwas hausbackenen Mannequins auf den Laufstegen der Welt ab und Charlotte passte genau ins Schema. Als Carla Ward posierte sie neben Supermodels wie Jerry Hall und Iman und sie schlief mit den richtigen Männern, sofern sie ihr nützlich waren. Martin war längst Geschichte. Als sie in New York ankam, wusste sie, wo sie hingehörte. Niemand informierte sie, als ihre Großmutter 1996 starb.
Hatte die Wohnung tatsächlich über zwanzig Jahre lang leergestanden? Es musste so sein, obwohl Carla es kaum glauben konnte. Aber der Notar, der sie schließlich als Erbin des alten Mietshauses ausfindig gemacht hatte, hatte ihr genau das bestätigt. Die Kanzlei war schon vor Jahren mit der Verwaltung beauftragt worden. Einzige Bedingung im Testament der Großmutter war gewesen, dass ihre Wohnung nie vermietet werden, sondern immer ihrer Enkelin zur Verfügung stehen sollte.

Carla hatte plötzlich Tränen in den Augen. Sie öffnete die Türen des Kleiderschrankes und schob ziellos die alten Kleidungsstücke hin und her. Sie würde eine Firma beauftragen, die all das hier entsorgen musste. Ihr Blick blieb plötzlich an einem Kleid ganz hinten im Schrank hängen. Sie nahm es vom Bügel. Es war aus blassblauem Leinen, im typischen Schnitt der frühen fünfziger Jahre. Sie erinnerte sich, dass sie das Kleid anprobiert hatte, als alle ihre Klassenkameradinnen zur Tanzstunde gingen. Ihre Großmutter hatte es ihr verboten.
„Das ist nichts für dich, Charlotte. Keiner der jungen Männer würde dich auffordern, glaub mir.“
Sie hatte gewusst, dass das Kleid ihrer Mutter gehört hatte. Es war ihr zu kurz aber dafür ein wenig zu weit gewesen. Als sie nach dem dazu passenden Petticoat suchte, war die Großmutter plötzlich ins Zimmer gekommen. Nie zuvor und niemals später hatte Carla sie so wütend erlebt. Sie hatte die Enkelin geohrfeigt und sie angeschrien, das Unglückskleid auszuziehen. Und gleichzeitig waren ihr Tränen über das Gesicht gelaufen.

Plötzlich wusste Carla wieder, wofür der winzige Schlüssel am Schlüsselbund war. Schnell lief sie in den Flur, wo sie ihn abgelegt hatte. Sie zog die Nachttischschublade des rechten Bettes auf und da lag das Kästchen aus bunt bemaltem Rosenholz noch immer. Als sie es öffnete, fand sie, was sie suchte. Auf einem colorierten Schwarz-Weiß-Foto strahlte ihr ein Paar entgegen. Ein gutaussehender Farbiger in der Uniform der US-Army hatte seinen Arm um eine bezaubernde junge Frau in einem blassblauen Leinenkleid gelegt. Carla drehte das Bild um. Mit Bleistift stand dort: Jim und ich, Juni 1953.
Das Kästchen enthielt nur wenige Fotos. Es waren Kinderbilder von ihr selbst. Es gab kein einziges weiteres Foto ihrer Mutter. Nur das verblasste Bild eines einfachen Holzkreuzes über einem frisch aufgeschütteten Grab. Auf der Rückseite stand der Vermerk: Gerda, Oktober 1956.
©Elke Heinze / 2017

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Für das Beitragsbild habe ich ein Motiv von Jerry Kiesewetter benutzt. Habe es aber ziemlich verändert. Danke an Jerry und Unsplash.com