Mal wieder eine neue Drei-Wort-Geschichte aus der Schule-des-Schreibens, die allerdings einen großen Fehler hat. Wer hier aufgepasst hat, weiß, dass unsere Drei-Wort-Geschichten eine Länge von ca. 2400 Zeichen haben sollen. Als ich „Sonntagmorgen mit Hindernissen“ geschrieben habe, hatte ich wohl einen Zahlendreher im Kopf. Und so hat diese Geschichte nun die fast die doppelte Länge, fast 4200 Zeichen.  Ich wünsche trotzdem viel Spaß beim Lesen. Vorgabe: Künstler, Eierbecher, Kofferraum

Sonntagmorgen mit Hindernissen

Peter schloss die Tür zur Terrasse, die er wie immer sofort nach dem Aufstehen zum Lüften geöffnet hatte.
„Uuute“, rief er in Richtung Badezimmer, „sag mal, wo sind denn unsere Eierbecher hingekommen?“ Er hatte den sonntäglichen Frühstückstisch gedeckt und stand nun stirnrunzelnd vor den Küchenschränken.
Ute, ein Handtuch ums nasse Haar und eins notdürftig um ihren Körper geschlungen, kam kopfschüttelnd in die Küche.
„Wo sollen die schon sein, Schatz? Da wo sie immer sind.“ Sie reckte sich, um den Oberschrank zu öffnen. Abgelenkt vom rutschenden Badetuch sah Peter glücklicherweise nicht den leicht genervten Gesichtsausdruck seiner Gattin. Ute war nämlich grundsätzlich der Meinung, Peter habe Tomaten auf den Augen.
„Wo zum Teufel …“ Ute stellte sich auf die Zehenspitzen und griff mit beiden Armen nach oben, um einige Teller zur Seite zu schieben. Das Badetuch machte sich endgültig selbstständig.
„Sie sind wirklich nicht da“, bemerkte sie ungläubig, während sich Peters Blick begehrlich auf ihrem rosigen, vom Duschöl glänzenden Körper festsaugte.
„Vielleicht“, murmelte er, „könnten wir das mit dem Frühstück auch verschieben.“ Besitzergreifend legten sich seine Hände um Utes Taille. Er zog sie an sich.
„Bist du verrückt? Stell dir vor, die Kinder kommen runter.“
„Aber die sind doch …“ Es klingelte.

Ute schnappte sich das Handtuch und verschwand wieder ins Badezimmer, während Peter leicht frustriert die Haustür öffnete.
„Guten Morgen, Peter“. Perfekt frisiert und wie aus dem sprichwörtlichen Ei gepellt stand Ellen Windhorst vor ihm.
„Sag mal, könntet ihr uns mal eben zwei Eierbecher leihen?“
Peter starrte sie entgeistert an.
„Nun guck nicht so. Unsere sind irgendwie verschwunden. Seltsame Sache. Also kannst du mir welche leihen?“
„Ellen, es tut mir leid. Ich – also die Sache ist die – unsere Eierbecher sind ebenfalls weg.“
„Wie, weg?“
„Na verschwunden.“
„Verarschen kann ich mich selber.“ Ellen war beleidigt. „Ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass du dich wegen zwei Eierbechern so anstellst. Ich hätte sie auch nach dem Frühstück gleich zurückgebracht. Gespült!“
„Ellen, nein. Sie sind wirklich verschwunden.“
Die Nachbarin tippte sich verachtungsvoll mit dem Finger an die Stirn, dreht sich um und stöckelte davon.

Peter seufzte. Er zog die Sonntagszeitung aus dem Briefkasten und holte schließlich zwei Espressotassen aus dem Schrank. Die waren fast so gut wie Eierbecher und würden es erst mal tun müssen.
Während die Kaffeemaschine zischend seine Tasse füllte, schlug Peter die Zeitung auf. Im Lokalteil sprang ihn eine fett gedruckte Schlagzeile an: Kaufhäuser im Moosbach Zentrum beklagen Eierbecherklau. Er wollte sich gerade in den Text vertiefen, als draußen ein Martinshorn ertönte. Gleich darauf hörte er Bremsen quietschen und dann einen lauten Schrei. Peter ließ die Zeitung sinken und lief zum Fenster.

Joey Meyrs, eigentlich Johann Meier, Alt-Hippie und selbst ernannter Performancekünstler, war mit seinem uralten Opel auf der gegenüberliegenden Straßenseite gegen eine der Linden gekracht. Hinter ihm hielt ein Streifenwagen. Während sich eine junge Polizistin um Joey kümmerte, der sich gerade wieder aufrappelte, öffnete ihr Kollege den Kofferraum und hielt triumphierend drei Eierbecher in die Luft.
„Finger weg!“, brüllte Joey wütend. Viel war ihm anscheinend nicht passiert.
Der Polizist entrollte inzwischen ein offenbar selbstgemaltes Plakat. Verblüfft las Peter die Ankündigung: Eierbecher für Alle. Kommt zum neuen, genialen Happening von Joey Meyrs am 9. September um 16 Uhr – Sportplatz Kuhaue, Moosbach. Eintritt frei!

Ute stand plötzlich hinter ihrem Mann. Sie duftet nach Parfüm und schmiegte sich an ihn.
„Hör mal Schatz, mir ist gerade eingefallen, dass Claudi und Sascha gar nicht zu Hause sind. Die sind doch gestern Abend mit ihrer Clique … He, was ist los?“
Peter starrte weiter aus dem Fenster. „Jetzt guck dir das an“, meinte er ohne sich umzudrehen. „Es war Joey. Der Kerl hat offenbar überall Eierbecher zusammengeklaut. Komm, lass uns endlich frühstücken. Ich habe Hunger.“

Copyright: Dr.Elke Heinze – 09-2017

Nachtrag: Mehrfach wurde ich inzwischen gefragt, wie denn der Eierbecherdieb an die Becher aus Küchenschränken gelangen konnte. Machen wir uns nichts vor: Viele Häuslebesitzer lassen frühmorgens zum Lüften die Terrassentüren offenstehen. Man ist ja im Haus, wohnt in einer „guten“ Gegend,  was soll schon passieren? Aber es passiert. In der Geschichte ist der Dieb zudem ein Bekannter, einer dem man sicher auch eine schräge Ausrede abnehmen würde, wenn er plötzlich im Garten stünde. Also: Uffbasse! – wie der Frankfurter sagen würde. Aufpassen! für nicht Frankfurter 😉