Und ich habe schon wieder eine neue Drei-Wort-Geschichte. Die Zeit vergeht wie im Flug. Dieses Mal habe ich mich wieder an die vorgegebenen 2400 Anschläge gehalten. Und als Wörter mussten benutzt werden: Untermieter, Gewächshaus, Hörgeräte(e). Die Geschichte kommt – was bei mir selten ist – ohne Dialoge aus, sogar fast ohne wörtliche Rede.

Das Herz des Löwen

Fast täglich verbrachte Julia die Zeit zwischen den Vorlesungen im weitläufigen Botanischen Garten. Und immer öfter stellte sie sich die Frage, ob sie mit dem Informatikstudium nicht total daneben gegriffen hatte. Dieser Wettbewerb zwischen Max und ihr war eigentlich ziemlich blödsinnig gewesen. Wer löste die Matheaufgaben schneller, wer brachte die besseren Noten nach Hause? Laut Max waren Mädchen für komplexe mathematische Lösungswege einfach unbegabt. Natürlich hatte sie immer gewusst, dass ihr Bruder sie nur aufzog. Aber seine Sticheleien hatten ihren Ehrgeiz und ihren Trotz geweckt. Nun studierte sie also Informatik, während Max sich kurzfristig für ein Sportstudium entschieden hatte. Vor einem Jahr war er zu Hause ausgezogen. Seitdem hatten sie einen Untermieter.

Firas, ein Flüchtling aus Syrien war bei ihnen eingezogen. Julias Vater hatte ihn eines Tages mitgebracht. Dr. Schauer arbeitete als HNO-Arzt an einem Tag in der Woche ehrenamtlich für die Versorgung kriegsgeschädigter Asylbewerber. Firas war fast ertaubt in Deutschland angekommen, das Innenohr durch ein massives Knalltrauma schwer beschädigt.
„Kümmere dich ein bisschen um ihn, Schatz“, hatte ihr Vater sie gebeten. „Das wird ihm helfen.“
Während Julia auf das hinterste Gewächshaus zulief, in dem sie Firas vermutete, erinnerte sie sich daran, wie schwer es anfangs gewesen war, sich mit ihm zu verständigen. Firas – son of a lion, Sohn eines Löwen, bedeute sein Name, hatte er ihr erklärt. Und wie ein Löwe kämpfte er darum, trotz Behinderung und Sprachschwierigkeiten seinen Platz in Deutschland zu finden. Firas besaß inzwischen Hörgeräte, die ihm einen Teil seiner Hörfähigkeit zurückgegeben hatten. Der junge Syrer studierte seit kurzem Biologie und Agrarökologie. Er träumte davon, eines Tages nach Syrien zurückzukehren, um beim Wiederaufbau seines Landes zu helfen.

Ein Herz wie ein Löwe. Julia war am Gewächshaus angekommen. Firas sprach mit den Pflanzen. Sie grinste. Das war so typisch für ihn. Und plötzlich wusste sie, dass Informatik auf keinen Fall ihre Zukunft war. Julia klopfte an die Glasscheibe, doch Firas hörte sie nicht. Wenn er mit seinen Pflanzen allein war, entfernte er die ungeliebten Hörgeräte. Vorsichtig trat Julia ein. Firas bemerkte sie erst, als ihn Julia umarmte. FIRAS, formten ihre Lippen seinen Namen, bevor sie ihn zum ersten Mal küsste.
©EHeinze – 2017


Schade, dass ich Kumar, den neuen Löwen aus dem Frankfurter Zoo, noch nicht fotografieren konnte. Das Löwenpärchen habe ich 2014 im Berliner Tiergarten fotografiert. Und ich mag das friedliche Bild.