Vor Weihnachten noch eine letzte Drei-Wort-Geschichte mit den Vorgaben: Wohnzimmer, Moderatorin und Gummistiefel. – Nebenbei bin ich mit dem Dezember-Newsletter beschäftigt – jawohl! , der kommt tatsächlich noch. Ich kann schon mal verraten, dass ich meinen Abschluss an der Schule des Schreibens geschafft habe. Über den Newsletter wird es einen Link zu einer Leseprobe meiner Abschlussarbeit geben. Aber nun erst einmal zu unserem Blumenfreund.

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Ein Blumenfreund (Wohnzimmer, Moderatorin, Gummistiefel)

Herbert liebte feste Regeln und Ordnung über alles. Seine Ex hatte ihn deshalb gerne mal als Pedanten beschimpft. Aber was wusste die schon! Nun ruhte sie schon seit Jahren in Frieden unter einem Bankdirektor. Jeden Sonntagnachmittag schaltete Herbert pünktlich um 15:30 Uhr in seinem Wohnzimmer das Fernsehgerät ein. Wenn ihn Frauke Hellmich in ihren Gummistiefeln und der hübschen grünen Schürze in ihren Garten einlud, vergaß Herbert alles um sich herum, einschließlich seines trögen Jobs als Friedhofsgärtner. Akribisch notierte er die Pflanzpläne, die die blonde Moderatorin am Ende der Sendung einblenden ließ. Für jede Jahreszeit, für jeden Boden die richtigen Blumen, das war ihre Botschaft.

Von montags bis freitags ging er seinem Beruf nach und unterließ es nie, die trauernden Hinterbliebenen bei der Grabgestaltung zu beraten. Die älteren Damen nahmen seine Vorschläge meist gerne an, ließ es sich mit Herbert doch wunderbar plaudern. Nur manchmal war die eine oder andere unbelehrbar. Da wollten sie Efeu pflanzen, wo Herbert Funkien und Buschwindröschen empfahl. Efeu – weil der so praktisch war! Es war nicht zu fassen. Mit Bedauern dachte Herbert an Gerda Müller. Normalerweise eine wirklich nette Frau. Warum wollte sie einfach nicht verstehen, dass die Teerosen auf dem Grab ihres Gatten nicht gedeihen würden? Richtig wütend war sie sogar geworden. Er solle sich um seine Arbeit kümmern und sie mal machen lassen, hatte sie ihm an den Kopf geworfen. Sie wisse schon, was ihrem Robert gefallen hätte. Irgendwie hatte sie ihn in diesem Moment an seine Ex erinnert.

Herbert warf Spaten und Grabegabel auf seine Schubkarre und zog die Zeitung aus dem Papierkorb, die jemand unordentlich zusammengeknüllt hineingeworfen hatte. Auch so eine Unart, die er hasste. Warum konnten die Menschen mit den Dingen nicht achtsamer umgehen? Sorgfältig strich er die Seiten glatt und las die Schlagzeile, die ihm vom Titelblatt entgegensprang: Wer hat Gerda M. gesehen? Rentnerin kam vom Friedhofsbesuch nicht in die Seniorenresidenz zurück. Die Fünfundsechzigjährige trug bei ihrem Verschwinden eine dunkelblaue Hose, dunkelblaue Schnürschuhe und eine ebenfalls dunkelblaue Jacke. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen oder Tel. 069 ………

Herbert steckte die Zeitung in den Papierkorb zurück und sah auf die Uhr. 18 Uhr – Feierabend. Nun noch einen kleinen Abstecher zum hinteren Teil des Friedhofs, wo die abgeräumten Gräber der Wildnis überlassen wurden. Hierhin verirrten sich nur selten Besucher. Und die wenigen, die hier doch hin und wieder spazieren gingen, wunderten sich manchmal, dass sie zwischen Eselsdisteln, Brennnesseln und meterhohem Unkraut auf Beete stießen, die mit den schönsten Blumen bepflanzt waren. Seit vergangenem Dienstag blühten hier gelbe Rosen.
©EHeinze