Komisch ist das schon: Es gibt sicher reichlich Autoren, die um diese Jahreszeit schreiben können, was das Zeug hält. An sich logisch, denn man hat ja kaum mal eine Ablenkung durch schönes Wetter. Bei mir ist das anders. Mir schlägt das Dauergrau, das uns jetzt schon seit Dezember verfolgt, aufs Gemüt. Sobald sich mal die Sonne ansatzweise blicken lässt, bin ich draußen. Und am Schreibtisch mag ich einfach nicht sitzen. Dafür lese ich im Moment wieder sehr viel. Da kommen mir dann zwar Ideen, aber die Muse küsst mich dennoch nicht. Also habe ich der Webseite mal wieder ein neues Erscheinungsbild verpasst, ein winterliches, das im Grunde so gar nicht dem Blick aus dem Fenster entspricht. Im Garten blüht es bereits wie wild: Schneeglöckchen, Lenzrosen, die Zaubernuss, ein Schneeballstrauch … geradezu unglaublich. Und natürlich lasse ich mich auch gerne von den kleinen Geflügelten vor dem Fenster ablenken. An den Futterstellen ist immer was los. Ich schätze, ich weiß momentan auch nicht, ob ich weiter Krimis schreiben oder mit der Dystopie weitermachen soll … oder etwas ganz anderes. Ich werde mich heute mal wenigstens an die nächste kleine Drei-Wort-Geschichte machen. Die letzte fand ich selbst nicht so gelungen. Einigen Leuten hat sie aber doch gefallen, deshalb – bitteschön – stelle ich sie hier mal rein.

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Eingeölt und angeschmiert (Werkstatt, Praktikantin, Zeitung)

In der Autowerkstatt sah es aus, als müsse jeden Moment einer der Monteure unter einem Wagen hervorrollen. Werkzeuge lagen auf dem Boden, ein SUV stand aufgebockt über einer Grube. Im angrenzenden Büro klingelte das Telefon.
„Entschuldigung“, Frau Bernau sah Kommissarin Rimbach nervös an. „Ich …“
„Lassen Sie es klingeln. Sie sollten mir einige Fragen beantworten. Können wir uns irgendwo setzen?“

Auto-Bernau befand sich am Ortsrand von Maibach. Im angrenzenden Wäldchen hatte am frühen Morgen ein Spaziergänger die Leiche der siebzehnjährigen Praktikantin Isabel Reichert entdeckt.
Frau Bernau deutet auf eine kleine Sitzgruppe außerhalb der Werkstatt. „Hier bitte.“ Hektisch räumte sie einige herumliegende Zeitungen zur Seite.

„Wo könnte sich Ihr Mann aufhalten, Frau Bernau? Ist es normal, dass er verschwindet, ohne Ihnen eine Nachricht zu hinterlassen?“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Wir führen eine gute Ehe, müssen sie wissen. Peter – es muss ihm etwas passiert sein.“
Kommissarin Rimbach verzog kurz das Gesicht. Wie oft hatte sie diesen Satz schon gehört.
„Wäre das nicht ein Zufall zu viel? Ihre Praktikantin wird ermordet und dann soll auch Ihrem Mann etwas passiert sein? Wie stand denn ihr Mann zu Isabel Reichert?“
Für einen Moment blitzte ein zorniges Funkeln in Frau Bernaus Augen auf, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. „Was heißt, wie stand er zu Isabel? Sie war Praktikantin, sonst nichts.”
„Und Sie selbst? Einer Ihrer Monteure hat erzählt, Sie hätten sich gestern Abend mit Frau Reichert gestritten.“
„Blödsinn! Das heißt, ja, wir hatten eine kleine Auseinandersetzung , weil das Flittchen immer wieder zu spät kam.“ Die Frau knetete nervös ihre Finger. Kein Ehering, stellte Rimbach fest. Aber schwarze Ränder unter einigen Fingernägeln.
„Das Flittchen?“
Frau Bernau lief rot an. „Na, war doch so. Sie machte allen Männern schöne Augen.“
„Frau Rimbach!“ Aus der Halle kam ein Polizeibeamter auf die beiden Frauen zugelaufen. „Kommen Sie mal. Das müssen Sie sich ansehen.“

Unter dem SUV zwängten sich zwei Männer der Spusi aus der Grube, die weißen Anzüge voller Motorenöl.
„Da unten liegt einer“, bemerkte der Ältere der beiden. „Sieht ganz nach Bernau aus. Und schaun Sie mal.“ Er reichte der Kommissarin einen ölverschmierten Ehering.
Rimbach hörte einen halbunterdrückten Aufschrei und sah Frau Bernau davonlaufen.
„Dachte ich es mir doch. Los, hinterher, festnehmen!“