Hier kommt eine Geschichte, die ich schon vor etlichen Jahren geschrieben habe. Heute ist sie mir mal wieder in die Hände gefallen. Und irgendwie finde ich sie immer noch nett. Eigentlich sollte es mal ein Buch werden, zwölf Geschichten aus Lisas Garten, eine für jeden Monat. Irgendwann blieben mir aber die Ideen aus und ich hatte damals auch keine Ahnung, wie ich so etwas illustrieren und veröffentlichen sollte. Vielleicht nehme ich die Idee mal wieder auf.

Lisas Garten – Der März

Lisas Papa sagte immer: „Im März, Lisa, da riecht es nach Frühling.“ Und wenn Lisas Mutter dann nachfragte, wie denn der Frühling genau rieche, dann schauten sich Papa und Lisa nur ungläubig an. Die beiden wussten genau, wie der Frühling riecht.

Als Lisa am einundzwanzigsten März aus dem Kindergarten nach Hause kam, wäre sie am liebsten gleich in den Garten hinausgegangen. Unterwegs hatte sie schon ihre dicke Jacke ausgezogen. Die Sonne schien herrlich warm. Das Mittagessen fand sie furchtbar überflüssig, aber natürlich bestand Mama darauf, dass erst einmal gegessen wurde. Am Tag zuvor hatte Lisa schon eine Menge Gänseblümchen auf der Wiese entdeckt, und die Krokusse und Osterglocken mussten doch heute endlich aufblühen! Und außerdem hatte sie ja gestern ein Gespräch belauscht, ein Gespräch von dem sie niemandem erzählt hatte, noch nicht mal dem Papa.

Lisa hatte am Rande eines Blumenbeetes in der Sonne gesessen und mit Mäxchen gespielt. Dem kleinen Kater gefiel es eindeutig, sich die Sonne auf das Fell scheinen und gleichzeitig von Lisa kraulen zu lassen. Er wälzte sich genüsslich im Gras, blieb auf dem Rücken liegen und gähnte herzhaft. Lisa zauste und streichelte sein dickes weißes Bauchfell, das so unglaublich weich und gemütlich war, und Mäxchen fand das toll, jedenfalls für eine Weile. Plötzlich aber spitzte er die Ohren, drehte sich auf seine vier weißen Pfoten, schüttelte irritiert den Kopf und trabte davon. Und auch Lisa hörte plötzlich etwas, ganz feine Stimmen, die aus dem Blumenbeet kamen oder genauer gesagt aus der Erde.

„Mama, ich will endlich an die Sonne“, klang es aus der Tiefe.
„Ja mein Schatz, bald ist es soweit, aber hab noch ein bisschen Geduld.“
„Und außerdem mag ich das grüne Mäntelchen nicht mehr tragen, mein rotes Kleid ist doch so schön.“
„Ach Nana, das musst du aber noch tragen, wenigstens bis du oben über der Erde bist.“
„Mama, das Ding juckt und es sieht hässlich aus. Und schau mal, Familie Glöckchen ist schon ganz weit oben.“
„Mein Schatz, das ist nicht unbedingt von Vorteil. Es ist noch kalt dort oben, manchmal liegt noch Schnee.“
„Mama, ich will aber …“

Lisa hatte inzwischen ihr Ohr ganz dicht an die Erde gepresst und fuhr erschrocken zusammen, als sie plötzlich ein silberhelles Lachen hörte.
Neben ihr stand eine winzige Wiesenelfe und zupfte an Lisas Hosenbeinen.
„Oh“, sagte Lisa, „seid ihr endlich wach?“ Sie nahm die kleine Elfe vorsichtig auf ihre Hand. „Wer bist du denn, ich habe dich noch nie gesehen?“
„Und wer bist du?“ gab die Elfe keck zurück, drehte sich einmal im Kreis herum, sodass sich ihr blaues Glockenkleid bauschte und die blonden Haare nur so flogen.
„Na gut, ich zuerst. Ich heiße Lisa und wohne hier. Und jetzt du.“
„Ich heiße Viola und bin eine Wiesenelfe. Ich wohne dort, wo das Gras am dichtesten wächst und die kleinen blauen Veilchen blühen. Aber was machst du mit deinem Ohr auf der Erde? Das wird doch ganz schmutzig.“
Viola schob sich die feinen Haare hinter ihre spitzen Ohren.

Lisa sah die Elfe voller Bewunderung an. Warum wurden Elfen niemals schmutzig, hatten niemals aufgeschlagene Knie und immer so hübsche Kleider an?

Dann besann sie sich und sagte: „Viola, ich habe da eben Stimmen gehört. Aus der Erde. Das klang, als ob sich Blumen in der Tiefe unterhalten.“
Lisa war etwas unsicher. Ob die kleine Elfe sie jetzt auslachen würde? Aber Viola fand es völlig normal, was Lisa ihr erzählte.
„Ach so, das sind bestimmt die Tulpenkinder, die es wieder mal nicht abwarten können“, kicherte sie. „Es ist doch jedes Jahr das Gleiche. Kaum hören sie, dass die Sprösslinge der Schneeglöckchen zur Erde rausgucken, wollen sie unbedingt auch nach oben. Dabei hat doch jede Blume ihre Zeit zum Blühen.“
Dann stutzte Viola plötzlich.
„Sag mal, Lisa, wieso kannst du die Blumen hören? Wieso können wir uns verstehen?“
Lisa zuckte mit den Schultern. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht.
„Können das denn nicht alle Kinder?“ fragte sie.
„O nein“, antwortete ihr die kleine Elfe. „Das können nur wenige. Das ist eine ganz besondere Gabe. Oder kennst du andere Kinder, die auch mit Elfen und Blumen sprechen? Und je älter sie werden, umso schwieriger wird es für sie.“

Lisa dachte einen Augenblick nach. Es stimmte, sie kannte niemanden, der so war wie sie. Sie erzählte es auch niemandem mehr, denn dann wurde sie doch nur ausgelacht. Nur Papa lachte sie nicht aus, sondern hatte ihr erzählt, dass ihre Oma auch immer mit den Blumen gesprochen habe.
„Dann will ich am besten gar nicht älter werden“, sagte sie schließlich.
„Das geht nicht“, antwortete ihr Viola und lachte ihr silberhelles Lachen. „Aber solange du weiter hier in diesen Garten kommst, Augen und Ohren aufsperrst, mit deinen Händen das Gras und die Bäume berührst, solange wirst du uns finden und verstehen. So, aber jetzt muss ich fort und nach den anderen aus meiner Familie sehen.“
„Kommst du wieder?“, wollte Lisa noch fragen, aber sie hörte nur noch ein leises Schwirren von zarten Flügeln, ein Klingeln wie von kleinen Glöckchen aus Glas, und Viola war verschwunden.
Lisa sah wieder zum Blumenbeet, und dort wo vorher nur Erde gewesen war, schob sich doch tatsächlich ein grüner Trieb mit einem trockenen braunen Mäntelchen nach oben. Lisa musste lachen. Da hatte es Nana, die kleine Tulpe, also doch noch geschafft. Hoffentlich würde es nicht noch einmal kalt werden.

©Elke Heinze/2018