Damit ich hier nicht nur übers Publizieren und meine Vorhaben schreibe, kommt mal wieder eine Ultrakurzgeschichte, die ihren Weg sicher nicht in einen Sammelband finden wird. Aber im Forum der Schule des Schreibens ist sie immerhin ganz gut angekommen, deshalb darf sie hier in meinen Blog. Die drei zu verbastelnden Wörter waren Messe, Zauber(in) und Coladose.
Viel Spaß!

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Was muss, das muss

Ich muss aufs Klo! Ich muss immer aufs Klo, wenn ich aufgeregt bin. Und heute bin ich aufgeregt, aber sowas von. Endlich auf der Buchmesse und zum ersten Mal nicht einfach nur als Besucherin. Da stehe ich nun auf dem Podest, hinter mir dieses wundervolle Regal mit meinen Büchern und vor mir meine Freunde, Bekannte und LeserInnen. Alle stehen geduldig Schlange, um das von mir signierte Buch zu bekommen. Das Buch ist aber auch wirklich schön geworden. Auf dem Cover die kleine Zauberin mit der niedlichen Stubsnase und der Cola-Dose … Moment, wieso Cola-Dose?

„Mara, steh endlich auf! Du bist schon wieder viel zu spät dran.“
Mutter kommt ins Zimmer und zieht mir die Bettdecke weg.
„Wie sieht es denn hier aus!“

Ich reiße die verklebten Augen auf. Mist aber auch! Habe ich schon wieder den Wecker überhört? Mein Schädel brummt. Ausgeschlafen fühlt sich anders an. Und heute ist Matheprüfung. Mein Abitur steht sowieso schon auf der Kippe. Mein Blick fällt auf den Schreibtisch. Kippen, Coladosen und eine fleckige Kaffeetasse – das übliche Szenario der letzten Wochen. Vergebliche Versuche, die blöden Exponentialgleichungen zu kapieren. Dazwischen lacht mich das Heft mit der Zeichnung der kleinen Zauberin auf der ersten Seite an. Warum kann ich nicht einfach nur schreiben und malen? Wer braucht schon Mathe? Ich will auch nicht studieren. Das wollen bloß meine Eltern. Seufzend greife ich nach der Jeans. Es hilft ja alles nichts. Aber erst … ich muss wirklich aufs Klo.

* * *

„Mama, mach endlich! Andre Leute müssen auch mal.“

Meine Teenagertochter trommelt wütend an die Tür.
„Ja doch, bin gleich fertig.“
Ein letzter Blick in den Spiegel. Die Frisur sitzt. Ich presse kurz die Lippen aufeinander. Habe ich zu viel Lippenstift aufgetragen? Ach wo, alles gut. Ich atme tief durch. Es wird Zeit zu gehen. Heute ist mein großer Tag. Ich darf auf der Buchmesse „Die kleine Zauberin Kunigunde“ vorstellen. Zwanzig Jahre hat sie in der Schublade geschmort, bis Jan sie dort entdeckte und heimlich an einen Verlag geschickt hat. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass ich einen Vertrag bekommen habe und eine Option für drei weitere Bilderbücher. Es fühlt sich an wie ein Sechser im Lotto.

„Mamaaa, mach, ich muss in die Schule!“
„Gleich mein Schatz. Bin schon fertig.“
Ich sollte nochmal aufs Klo. Ich muss immer aufs Klo, wenn ich aufgeregt bin.

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Für das Headerbild habe ich zwei Unsplashfotos benutzt: https://unsplash.com/@ravinepz (Coladose) und https://unsplash.com/@apsprudente (Kindergesicht). Danke dafür!