Heute mal eine Kurzgeschichte für Kinder, so ab zehn Jahren vielleicht. Ich hatte kurz überlegt, sie mit in ‘Give me 5’ hineinzunehmen, es aber doch gelassen. Alle anderen Kurzgeschichten sind in diesem Buch für Erwachsene gedacht. Rabennacht entstand ursprünglich auch aus vorgegebenen Wörtern einer DWG. Die kam aber nie zustande, weil ich mit den 2400 Zeichen nicht hinkam. Jetzt ist sie um einiges länger und ich denke, das ist gut so.
Viel Spaß beim Lesen. Ausdrucken und privates Weitergeben an Kinder ausdrücklich erlaubt. Alle Rechte am Text vorbehalten.

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Rabennacht

„Was meinst du? Ob sie sich traut?“
Ben beobachtete Lea mit zusammengekniffenen Augen. Jan zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„So wie sie in der letzten Zeit mit ihren angeblichen Vorfahren angegeben hat, bleibt ihr doch kaum etwas anderes übrig.“
„Raubritter!“ Ben lachte verächtlich. „Ich krieg schon die Namen meiner Großeltern nicht mehr auf die Reihe.“
„Aber wenn es stimmt, dass die Ruine von Burg Rabenstein mal ihrer Familie gehörte, dann haben die bestimmt auch eine Ahnengalerie.“
Die beiden Jungen sahen wieder zu Lea und Marie hinüber, die mit ihren Fahrrädern schon seit zehn Minuten vor der Apotheke „Zu den Sieben Raben“ standen und offenbar heftig diskutierten.

Die Schüler der 7a verbrachten die Woche vor den Herbstferien im Landschulheim von Klein-Rabenstein, einer idyllischen Gemeinde unterhalb einer alten Burgruine. Die Raben, um die sich manch schaurige Geschichte drehte, hatten nicht nur der Burg und dem Dorf den Namen verliehen, auch verschiedene Kneipen und sogar die Apotheke schmückten sich damit.
„Wir werden sehen. Heute Abend ist Vollmond. Entweder kommt sie oder …“ Ben ließ offen, was passieren würde, wenn Lea am Ende kneifen würde.

Es war schon dunkel, als sich Lea, Ben und mehrere ihrer Klassenkameraden hinter dem Landschulheim trafen. Die Jungs fröstelten in der kalten Nachtluft und schielten etwas neidisch zu den Mädchen, die mit Schals, Mützen und Handschuhen gut gerüstet waren. Der Vollmond stand am Himmel und beleuchtete den Weg zur Burg. Lea knipste ihre Taschenlampe wieder aus. Wer weiß, wie lange die Batterie noch halten würde.
„Auf geht’s, Jungs. Oder hat euch der Mut verlassen? Heute Nacht werdet ihr die Ritter von Rabenstein kennenlernen.“

Lea grinste in sich hinein. Ben immer mit seinem Getue und den dämlichen Mutproben! Glaubte der wirklich, er könnte ihr mit seinen Sprüchen imponieren? Heute würde sie es ihm zeigen. Sie hatte die Burgruine im Sommer mit ihrer Familie besucht und ihre älteren Brüder hatten ihr einen geheimen Zugang zum alten Friedhof gezeigt, von dem man in die Ruine gelangen konnte, wenn die Pforte abgesperrt war. Tom und Lukas waren selbst schon mit ihren Klassen im Landschulheim gewesen und hatten die Reste der Burg ausgiebig erkundet. Die beiden waren für jeden Streich zu haben.

Die Jugendlichen machten sich an den Aufstieg. Jan blieb wie üblich auf der Hälfte des Weges keuchend stehen.
„Ich glaube, wir sollten umkehren, Leute. Mir ist saukalt, und wir kriegen auch jede Menge Ärger, wenn jemand entdeckt, dass wir weg sind.“
Ben stöhnte nur, Lea betrachtete den dicken Jungen mit einem eher mitleidigen Blick.
„Geh zurück, wenn du willst. Du kennst ja den Weg und dunkel ist es auch nicht.“
Einige der Mädchen kicherten.
„Reiß dich zusammen“, knurrte Ben. „Wir gehen alle weiter, verstanden?“ Er sah sich um.
„Wo steckt eigentlich Marie?“
„Ach, Marieee …“, Lea schmunzelte, was Ben im Dunkeln nicht sehen konnte. „Die Arme hat sich den Magen verdorben. Sie liegt im Bett.“
„Ha, ha“, höhnte einer der anderen Jungs. „Das glaubst du doch selbst nicht. Die ist nur cleverer als unser Jan.“
„Blödmann!“ Auch wenn Lea sich selbst oft genug über Jan und die anderen Jungs ärgerte, mochte sie es nicht, wenn über Jan hergezogen wurde. Sie mochte den Jungen irgendwie.

Kurz darauf kam die alte Mauer in Sicht, die Friedhof und Burgruine umgab. Die Gespräche verstummten. Schließlich fragte Ben: „Und jetzt, Miss Oberschlau, wie willst du da überhaupt hineinkommen?“
Eines der anderen Mädchen meinte: „Ich finde, das reicht doch jetzt. Ihr seht doch, dass hier außer Jan niemand Schiss hat, Lea jedenfalls bestimmt nicht.“
Lea richtete ihre Taschenlampe auf die Mauer.
„Kommt gar nicht in Frage. Aber ich habe dummerweise keinen Schlüssel für die Pforte.“
„Nee – oder?“ Ben sah sie empört an.
„Na, dann ist doch gut.“ Jan war die Erleichterung anzuhören. „Dann war’s das jetzt.“
„Aber ich weiß, wie wir auf jeden Fall in die Burg kommen.“ Lea legte eine bedeutungsschwangere Pause ein. „Schaut mal da vorne an der Friedhofsmauer, da ist etwas weggebrochen. Ich glaube, das war mal eine Schießscharte oder so was. Wir müssen nur durch die Lücke steigen und dann gehn wir durch den Friedhof …“
„Durch den Friedhof? Spinnst du? Nicht mit mir. Niemals!“ Jan drehte sich um und begann den Weg zurückzulaufen.
„Jan, du Feigling. Das ist doch jetzt nicht dein Ernst. Kneifen gilt nicht.“

Ben war stinkwütend, obwohl er zugeben musste, dass auch ihm der Friedhof bei Nacht nicht unbedingt geheuer war. Aber wenn die Mädchen das schafften, würde er sich garantiert nicht davor drücken. In diesem Moment flog ein schwarzer Schatten über ihre Köpfe hinweg und sie hörten einen lauten Schrei, dem ein Stöhnen folgte. Er zuckte zusammen. Lotte, eine von Leas Freundinnen, klammerte sich an ihm fest.
„Was zum Teufel war das?“
Ein weiterer Schatten folgte, dann noch einer und noch einer. Sieben schwarze Vögel.
„Die Raben, die Rabengeister“, brüllte Jan, der keuchend zurückgerannt kam, und sich Dreck von den Hosen klopfte. „Sie greifen an. Ich, ich …“
„Ich will zurück“, jammerte Lotte.

Lea bekam langsam ein schlechtes Gewissen. So viel Angst hatte sie nicht verbreiten wollen. Aber schließlich hatte man sie oft genug geärgert. Strafe musste sein. Sie stand schon vor der Mauerstelle, an der etliche der alten Steine herausgebrochen waren.
„Blödsinn! Ben, mach mal ‘ne Räuberleiter. Das ist die richtige Stelle. Ich geh zuerst.“
Der Junge sah sie mit unverhohlenem Respekt an. Die traute sich wirklich was. Konnte er das zulassen? Er räusperte sich, konnte aber nicht verhindern, dass seine Stimme mitten im Satz in ein zittriges Quieken umschlug. Ihm blieb aber auch nichts erspart.
„Nee du, lass mich mal. Männer zuerst.“
Einer nach dem anderen kletterten sie über die Mauer. Nur Jan blieb übrig, der es selbst mit Räuberleiter nicht hinüberschaffte.
„Wartet mal“, flüsterte Lea. „Das können wir nicht machen. Ben, ich weiß, wo eine Leiter liegt.“
Verblüfft sah der Junge, wie Lea einige Meter weiter eine alte Holzleiter aufhob und zur Mauer schleifte.
„Los. Reich Jan die Leiter rüber. Das müsste funktionieren.“
Jan ächzte und stöhnte, aber schließlich schaffte er es, sich durch den Spalt zu quetschen. Der Gedanke, auf der anderen Seite allein zurückzubleiben, war alles andere als verlockend gewesen.

Fröstelnd stand die kleine Gruppe dicht an dicht gedrängt zusammen, und Ben sah sich neugierig um.
„Nach einem Friedhof sieht das eigentlich gar nicht aus“, meinte er. „Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.“
Lea leuchtete mit ihrer Taschenlampe einige umgestürzte Grabsteine an.
„Viel ist hier wirklich nicht mehr zu sehen“, wisperte sie. „Überlege mal, wie viele Jahrhunderte schon vergangen sind. Und überhaupt hat man hier nur die einfachen Leute verscharrt.“
Sie senkte unheilverkündend die Stimme. „Und natürlich diejenigen, die man gehenkt, geköpft oder gevierteilt hat.“
„Aufhören“, riefen Jan und Lotte gleichzeitig. Ben fand allmählich Vergnügen an der Sache. Er glaubte Lea kein Wort mehr.
„Habt euch nicht so. Das ist doch Quatsch. Verbrecher wurden im Mittelalter gar nicht auf dem Friedhof begraben.“
„Stimmt“, gab Lea zu. „Und außerdem müssen wir in die alte Kapelle. Die Ritter wurden selbstverständlich in einer Gruft beigesetzt.“
Gruft! Lea mochte das Wort. Klang das nicht schon wundervoll schaurig? Der Strahl ihrer Lampe zeigte auf Reste eines rechteckigen Gemäuers, das noch gut erkennbar eine halbrunde Apsis aufwies.
„Also los, Leute“, kommandierte Ben entschlossen.

In diesem Moment hörten sie ein seltsames metallisches Klirren. Vor den Mauern der Kapelle erschien eine weiße Frauengestalt, die von zwei finsteren Gestalten in Kapuzenmänteln verfolgt wurde. Einer zog ein Schwert aus der Scheide seines Gürtels und …
„Scheiße“, schrie Jan. „Ich will hier weg, sofort.“
Lotte wollte sich erneut an Ben klammern. Doch der zog Lea an sich und fing an zu lachen.
„Du bist so was von durchtrieben, Lea. Also ehrlich.“ Er gab ihr einen Kuss, der ihn mindestens ebenso überraschte wie Lea.
„Was soll das?“, schimpfte Lotte empört. Statt einer Antwort richtete Ben seine Taschenlampe auf die Füße der drei Gespenster. Sneakers fluoreszierten im Strahl der Lampe.
„Oh Mann,“ schimpfte Lea. „Wie blöd kann man denn sein? Marie, Tom, Lukas, ihr seid enttarnt.“
Die drei Gespenster hielten in ihrem Treiben inne. Lea leuchtete nun ihrerseits mit ihrer Taschenlampe ihren Brüdern ins Gesicht.
„Aus der Spuk! Ihr seid doch selten dämlich.“ Aber insgeheim war sie auch ein bisschen froh, dass sie mit dem Schwindel aufhören konnte. Und was den Kuss eben anging … Lea warf Ben einen forschenden Blick zu.
„Was ist?“ Ben starrte an ihr vorbei in die Luft.
„Ach nichts.“