Wie entstehen eigentlich Geschichten? Manchmal ist es ziemlich einfach, nämlich immer dann, wenn man eine spontane Idee hat und keine Vorgaben umsetzen muss. Mit bestimmten Vorgaben wie bei unseren Drei-Wort-Geschichten ist das schon schwieriger. Aber auch dabei gibt es Unterschiede. Zu manchen Wörtern fällt mir relativ schnell etwas ein, bei anderen habe ich zunächst das Gefühl ‘boah nee’ das geht überhaupt nicht. Was dann? Nehmen wir die gerade aktuellen Wörter: Wildfang als Protagonist oder zumindest Person, Kapelle als Ort und Koffer als Gegenstand. Als ich diese drei Wörter gelesen habe, war die erste Reaktion: Geht gar nicht. Wie soll ich bitte Wildfang unterbringen? Das ist ein Begriff, den man vor einhundert Jahren vielleicht noch benutzt hat, den aber heute praktisch niemand mehr kennt. Gemeint ist ein ungewöhnlich wildes, lebhaftes Kind.

Nach einigem Nachdenken fiel mir dann ein, dass es in meiner Kindheit tatsächlich einmal ein Buch gegeben haben muss, das den Titel ‘Der Wildfang’ trug. Ich habe keine Ahnung mehr, was in diesem Buch stand, aber vom Gefühl her passte es für mich ins neunzehnte oder frühe 20. Jahrhundert und in Richtung ‘Der Trotzkopf’ – auch ein Buchtitel – abgelöst später von den Hanni und Nanni Bänden etc. Um den Begriff auf eine moderne Geschichte zu übertragen, musste ich also eine Verbindung zu diesem Buch schaffen. So langsam kam dann eins zum anderen und DAS ist daraus geworden. Viel Spaß!

Unberechenbar

Puuh! Geschafft! Mit einem weinenden und einem lachenden Auge schloss ich die Tür hinter Kindern und Enkelkindern. Wie ein Wirbelsturm waren sie vor drei Tagen zu meinem fünfundsiebzigsten Geburtstag über mich hereingebrochen. Ich liebte sie alle und war glücklich, dass wir wieder zueinander gefunden hatten. Es war nicht immer leicht gewesen, als ich vor zwölf Jahren noch einmal geheiratet hatte. Vor allem Kirsten war mit meiner Wahl nicht einverstanden gewesen.
„Dass du ausgerechnet diesen Hinterwäldler heiraten musst! Der hat nichts und kann nichts. Und das in deinem Alter!“

Auch mein Sohn hatte den Kopf geschüttelt, aber mehr Verständnis dafür gezeigt, dass ich für eine späte Liebe meine Frankfurter Praxis verkaufte, um für Bernhard und mich ein kleines Haus auf dem Land zu finanzieren. Unsere Trauung in der kleinen Kapelle von Hinter-Seelbach fand in einem sehr kleinen Kreis statt. Und ich muss zugeben, dass ich mich über mich selbst wohl am meisten gewundert hatte. So viele Jahre vernünftig, konservativ, abwägend, auf Sicherheit bedacht. Und nun?

Bernhard war vor zwei Jahren gestorben.
Es war auf einmal sehr still. Da fiel mir der Koffer wieder ein. Rainer hatte ihn mitgebracht. Er hatte ihn bei der Renovierung unseres alten Hauses auf dem Dachboden gefunden.
„Mama, ich glaube, das gehört alles dir. Uralte Bücher und sowas. Schau es dir mal an. Ich wollte es nicht so einfach wegwerfen.“

Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür war. Ich machte mir einen großen, heißen Kakao und öffnete den Koffer.
„Du lieber Himmel“, entfuhr es mir. „Das ist wirklich uraltes Zeugs.“ Karl May Bücher, Hanni und Nanni, Hedwig Courts-Mahler, Der Trotzkopf – hatte ich so etwas noch gelesen? Schließlich mit einem völlig verblichenen Einband ‘Der Wildfang’. Als ich das Buch vorsichtig aufschlug, fiel ein dünnes Heft heraus. Ich spürte sofort, wie mein Herz schneller schlug. Ein Tagebuch meiner Mutter, in dieser ganz speziellen Mischung aus Sütterlin und moderner Schrift.
30. April 1950
Wie sind Richard und ich nur zu dieser Tochter gekommen? Clara ist ein Wildfang, wie er im Buche steht. Oh ja, ich glaube, ich könnte über meine Kleine ein eigenes Buch schreiben. Das Kätzchen, das sie gestern nach Hause brachte – und das sie selbstverständlich nicht behalten durfte – hat heute in Richards Hausschuhe gepinkelt. Clara macht einfach nie, was man ihr sagt. Was soll aus diesem Kind nur werden?

(Tief berührt aber auch mit einem Schmunzeln schloss ich das Buch nach einer Weile. Ein Wildfang war ich nach Ansicht meiner Mutter gewesen. Da waren sie also, meine aufmüpfigen Wurzeln, die sich im Alter wieder gemeldet hatten. Was war nur zwischenzeitlich geschehen?)

In der ersten Fassung habe ich auf die letzten Sätze verzichtet. Was gefällt euch besser?

Nachtrag: Sehr spannend, aber letzten Ende eindeutig. Im Forum der Schule des Schreibens haben alle dafür gestimmt, die letzten Sätze wegzulassen. Das zeigt mir mal wieder, dass ich dazu neige, zu viel erklären zu wollen und vermutlich meine Leser zu unterschätzen. Ich werde in Zukunft daran denken.


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