Hier kommt die erste Drei-Wort-Geschichte im neuen Jahr, geschrieben allerdings noch im Dezember 2018. Für alle, die hier zum ersten Mal auf das Kürzel DWG stoßen: Es handelt sich um kleine Geschichten, die drei vorgegebene Wörter enthalten müssen und nicht (viel) mehr als 2.400 Anschläge haben dürfen. Die Idee stammt aus dem Forum der Schule des Schreibens, dort werden alle zwei Wochen auch die Wörter gezogen. Die oftmals sehr abgefahrene Mischung ist also Zufall. In dieser Geschichte waren es die Wörter: Ausgrabungsstelle, Schleimer und Zahnspange.
Viel Spaß beim Lesen.


Eins nach dem anderen

„Lea, hast du heute schon die Zeitung gelesen?“ Ben sah sich nach seiner Mitbewohnerin um, die sich an der Kaffeemaschine zu schaffen machte. Verschlafen drehte sich die junge Frau nach ihm um.
„Wie denn? Bin doch eben erst aufgestanden. Die Besprechung gestern Abend ist etwas aus dem Ruder gelaufen.“ Sie gähnte und hielt sich schnell die Hand vor den Mund. Ben grinste. Er wusste, dass sich die Fünfundzwanzigjährige für ihre Zahnspange schämte. Ihn störte es wenig, und wie sie so dastand, im Pyjama mit aufgelöstem Zopf, fand er Lea zum Anknabbern.
„Warum? Wisst ihr etwa schon, dass das Neubaugebiet im Kaltenbacher Grund freigegeben wurde?“
„Was?“ Lea fuhr herum und riss ihm die Zeitung aus der Hand. Da stand es schwarz auf Weiß: „Die Archäologen ziehen sich von der Ausgrabungsstelle Kaltenbacher Grund zurück, nachdem dort keine weiteren Erkenntnisse zu der vermuteten steinzeitlichen Besiedelung gewonnen werden konnten. Der Bebauung steht nichts mehr im Weg.“

In den vergangenen Monaten hatten Archäologen, Biologen und Paläontologen Hand in Hand gearbeitet, um die Geheimnisse des von Höhlen durchzogenen Kaltenbacher Grunds zu erforschen. Während die Einen auf steinzeitliche Knochenfunde hofften, vermutete Leas Gruppe um Professor Gernstein, dass sie in den Höhlen auf den als ausgestorben geltenden Schleimer (Proteus mucosus), einen Verwandten des slowenischen Grottenolms stoßen könnten.
„Dass darf doch nicht wahr sein!“ Lea ließ sich schwer auf den Küchenstuhl fallen. „Genau das haben wir befürchtet. Gernstein hat sich völlig auf die Archäologen verlassen. Und gestern Abend ist er nicht einmal zu unserer Versammlung gekommen. Wenn wir den Schleimer nicht nachweisen können, ist meine Diplomarbeit gestorben.“

Ben warf Lea einen unsicheren Blick zu. Wie würde sie wohl die nächste Nachricht aufnehmen? Er räusperte sich.
„Da ist noch etwas, Lea. Gestern Abend hat Tarek angerufen. Eigentlich wollte er dich sprechen, aber …“
„Mist! Der Akku vom Handy war mal wieder leer. Was wollte er denn?“ Lea bemühte sich um eine neutrale Miene. Ben musste nicht wissen, dass sie total in Tarek verknallt war. Der attraktive Polizeimeister, der sie immer ein bisschen an Elyas M’Barek erinnerte, hatte ihr Herz im Sturm erobert, seit Ben ihn kürzlich auf eine Party mitgebracht hatte. „Ihm ist doch nichts passiert?“
„Tarek ist in Ordnung, Lea. Aber er war gestern Abend im Kaltenbacher Grund, als man Gernsteins Leiche gefunden hat.“
„O Gott!” Vor lauter Schreck vergaß Lea die Tasse unter die Maschine zu stellen und das kostbare Gebräu ergoß sich gurgelnd und zischend in die Auffangschale.


Für das Headerbild wurde ein Motiv von Daniel Lincoln by Unsplash benutzt und von mir bearbeitet. Danke dafür.
Der Proteus mucosus ist eine eigene Erfindung, die sich an der Bezeichnung für den Grottenolm – Proteus anguinus – orientiert hat.