Das erste Mal

Das erste Mal

Heute habe ich zum ersten Mal – jedenfalls wenn ich etwas lang Vergangenes ausblende – an einer Ausschreibung teilgenommen. Das lang Vergangene war eine dieser unsäglichen Anthologien der “Bibliothek deutschsprachiger Gedichte”. Ich nehme an, dieser Verein ist hinlänglich bekannt. Da braucht man kein Wort mehr drüber zu verlieren.
Nein, diesmal geht es um eine Ausschreibung des SternenBlick Verlages und zwar um lyrische Beiträge unter dem Motto “Verästelungen”. Drei Texte darf man einreichen, Gedichte, Haiku und ähnliches, lyrische Kurzprosa. Ich habe mir viel Mühe gegeben. Vermutlich noch nie zuvor so viel Zeit in ein Haiku investiert, das am Ende zu einem Tanka wurde. Das Tanka ist eine um zwei Zeilen erweiterte Form des Haiku. Im Moment kann ich euch die Texte hier nicht zeigen. Später mal.

Der zweite Text ist ein Reimgedicht, das ursprünglich aus Nonsensversen entstanden ist. Auch daran habe ich ewig herumgebastelt, bis schließlich etwas völlig anderes daraus wurde. Auch das bekommt ihr irgendwann einmal zu lesen.

Der dritte Text wurde dann die lyrische Kurzprosa. Damit habe ich mich besonders schwer getan und weiß auch nicht, wie lyrisch so etwas sein muss bzw. was ich mir unter lyrischer Kurzprosa genau vorzustellen habe. Romantisch-kitschig kann ich nicht. Der Text durfte nicht mehr als 1.500 Anschläge haben, also noch mal um einiges kürzer als unsere DWGs. Also ich bin gespannt. Einsendeschluss ist der 31.Oktober. Solange muss ich mich nun gedulden, bis ich weiß, ob irgendetwas Gefallen gefunden hat.

Es gibt noch eine zweite Ausschreibung, die bis zum Jahrende läuft: “Verlassene Orte”. Das finde ich auch sehr spannend. Lost places haben mich als Fotografin  schon immer sehr interessiert. Sie sind allerdings im Rhein-Main-Gebiet Mangelware. Da hat man im Osten der Republik mehr Inspiration. Immerhin darf bei diesem Projekt die Kurzgeschichte bis zu 10.000 Zeichen haben. Das ist schon eher nach meinem Geschmack. Lyrisch soll es allerdings auch sein – kein Krimi also. Mal sehn – bis zum Jahresende ist noch Zeit genug.

Hans Magnus Enzenberger

    Durch mein wiederbelebtes Interesse an der Lyrik (das Bändchen von 2006 “Hinter den Masken” war mein erstes selbstpubliziertes Buch) bin ich auf ein Werk von HME gestoßen, das er unter seinem richtigen Namen Andreas Thalmayr geschrieben hat: “Lyrik nervt!” (Affiliatelink!) Ich habe es mir mal bestellt, weil mich der Inhalt interessiert. Schmunzeln musste ich aber schon, weil ich mich daran erinnert habe, dass mich während meiner Oberstufenzeit am Gymnasium Enzensberger “genervt” hat. Mit den Klassikern der deutschen Dichtkunst hat man uns damals verschont. Wir mussten uns mit den modernen Schreiberlingen auseinandersetzen. Mein Lieblingsschriftsteller war Max Frisch. HME gehörte eher nicht dazu. Auf Wikipedia habe ich gelesen, das HME jede Menge Pseudonyme benutzt hat, sogar weibliche. Am schönsten finde ich Serenus M. Brezengang, ein Anagramm zu Magnus Enzensberger. Na wie auch immer, auf das Buch bin ich gespannt.

Nonsensverse & tolle Illustrationen

Und noch ein Buch, das ich mir geleistet habe: Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her: Das dicke Buch vom Nonsens-Reim.(Affiliatelink!) Es scheint, als hätte ich das Bedürfnis, nach vielen Lesestunden auf dem Kindle-Reader mal wieder echte Bücher in die Hand zu nehmen. Ich muss zugeben, auf dieses Buch hat mich Dr. Nicolette Bohn, Studienleiterin an der Schule des Schreibens, gehoben. Sie hat es neulich auf Facebook gezeigt, ich habe es mir auf Amazon angeguckt, und was ich dort gesehen habe, hat mich neugierig gemacht. Es ist eine köstliche Mischung von vielen erfrischenden Nonsensversen kombiniert mit unglaublich fantasievollen Illustrationen.

So – das war jetzt einer dieser Beiträge, den vermutlich eh keiner liest. Aber manchmal schreibe ich auch nur einfach für mich. Und falls doch wer vorbeikommt, erzählt mal, was ihr so macht.

Bildmaterial für den Beitragsheader:https://unsplash.com/@thoughtcatalog

 

 

DWG & Copyright

DWG & Copyright

Zwischenzeitlich sind wieder einige Drei-Wort-Geschichten entstanden. Heute präsentiere ich euch eine davon. Falls ihr euch beim Lesen an einen bestimmten Song erinnert fühlt, dann geht es euch so, wie mir beim Schreiben 😉 Die vorgegebenen Wörter, die wieder in 2400 Zeichen gepackt werden sollten, waren echt schräg: Luxusliner, Nudist, Mikroskop. Das hat mir schon Kopfzerbrechen bereitet. Herausgekommen ist dann etwas in Richtung Dystopie. Na, lest selbst.

Asche zu Asche

Das Raumschiff setzte zur Landung an. Das große Gefährt, seit Lichtjahren im All unterwegs, hatte nichts von seiner Eleganz verloren. Sachte, so als ob man vermeiden wolle, möglicherweise überlebende Erdenbewohner aufzuschrecken, streckte seine Landestelzen wie Fühler aus, bevor es schließlich auf der großen Sanddüne aufsetzte. Der Luxusliner, wie ihn sein Pilot Major Tom CXI. im Andenken an Vergnügungsschiffe aus grauer Vorzeit nannte, war ein technisches Meisterwerk. Die Stelzen waren mit allem erdenklichen wissenschaftlichen Gerät ausgestattet, vom Geigerzähler zur Ermittlung vorhandener Strahlenbelastung, über Mikroskope zur Analyse von Mikroorganismen, bis hin zu hochempfindlichen Antennen, die in der Lage waren, jedwede Radiofrequenzen aufzuspüren.

Major Tom CXI. war erst vor einigen Jahren aus dem Kälteschlaf erwacht, als feststand, dass die Lebenszeit von Tom CX. in Kürze ablaufen würde. Alles Wissen seiner Vorgänger war stetig in sein Gehirn eingespeist worden. Was allerdings die Erde betraf, war das nicht viel. Tom CXI. war wie seine Vorgänger und voraussichtlichen Nachfahren aus der Erbsubstanz weniger Erdflüchtlinge geklont worden, die vor Jahrhunderten dem alles zerstörenden nuklearen Krieg der Religionen durch Auswanderung auf einen entfernten Erdtrabanten entkommen waren. Nun schien es an der Zeit zu ergründen, ob man die Erde wiederbesiedeln könne.
Tom verbrachte Tage damit, alle Daten, die ihm die Geräte lieferten, am Computer auszuwerten. Schließlich – überzeugt, dass er das Schiff würde gefahrlos verlassen können – brach er zu einem ersten Erkundungsgang auf. Ein warmer Sommerwind strich über seine nackte Haut, als er die Düne überquerte und auf das Meer zulief. Kleidung hatte er nie kennengelernt. Offenbar gab es da einen kleinen Fehler im Programm.

Hinter ihm brachen Löcher im Sand auf. Zuerst waren es nur einzelne vermummte Köpfe, die sich langsam an die Oberfläche bohrten. Gestalten, eingehüllt in bodenlange, sandfarbene Gewänder schoben sich nach draußen. Einige trugen Stöcke in den Händen, andere etwas, das Toms Computer als altertümliche Gewehre identifiziert hätten. Ein Zischeln erfüllte die Luft.
Nudistenschwein! Macht ihn nieder! Schützt unsere Kinder vor dieser Ausgeburt der Hölle!“
Ein Schuss krachte, Tom stürzte.

Hinter der Düne zog das Raumschiff seine Stelzen ein und hob ab. Major Tom CXII. erwachte aus dem Kälteschlaf.

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Jemand hat mich gefragt, ob in dieser Geschichte wirklich “unsere freizügige Kultur beim Religionskampf untergegangen ist”?  Ja, in dieser Geschichte schon. Das heißt aber nicht, dass ich für die Zukunft damit rechne. Noch glaube ich fest daran, dass auf dieser Erde Platz für alle Religionen ist.

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Früher habe ich unter meine Geschichten im Blog oft einen Copyrightvermerk gesetzt: © Dr. Elke Heinze – oder so in der Art. Das ist nicht wirklich nötig. Jeder von mir veröffentlichte Text unterliegt grundsätzlich meinem Urheberrecht. Und im Allgemeinen auch meinem ausschließlichen Nutzungsrecht. Es sei denn, ich bestimme etwas anderes, wie neulich bei der Rabengeschichte. Für euch privat dürft ihr alle Geschichten kopieren. Das ist kein Problem. Weil ich aber durchaus vorhabe, irgendwann wieder einen Band mit neuen Kurzgeschichten zu veröffentlichen, gibt es hier auch nicht alles zu sehen, was ich so schreibe. Dafür bitte ich um Verständnis.

 

 

Danke – Neue Rezension – neue Funktion

Danke – Neue Rezension – neue Funktion

Ich freue mich heute über eine weitere 5-Sterne Bewertung für mein Buch “Give me 5” auf Amazon. Das ist erstaunlich, denn Kurzgeschichten haben ja nach wie vor den Ruf, dass sie eher weniger gelesen werden. Ich finds toll, dass offenbar doch mehr Interesse besteht, als ich annehmen durfte. Also danke fürs Kaufen, Lesen und natürlich für die Rezensionen.

Da ich die ‘Give me 5’ Bücher nicht mehr aus den USA bestellen muss, habe ich jetzt auch immer einige vorrätig oder kann sie schnell besorgen. Falls also jemand ein Bändchen mit oder ohne Widmung – vielleicht auch als kleines Weihnachtsgeschenk – über mich beziehen will, dann lasst es mich bitte wissen (nur an Leute, die ich kenne!).

Amazon bietet jetzt eine Youtube ähnliche Funktion zum Einbetten einer ‘Blick ins Buch’-Funktion. Das finde ich sehr praktisch und werde das gleich mal ausprobieren. Funktioniert! Die erste Geschichte (sehr kurz) könnt ihr also gleich hier auf der Seite lesen.

Freie  Lyrik – Kleine Experimente

Freie Lyrik – Kleine Experimente

Manchmal kommt die Lust an der Lyrik zurück. 2006 habe ich das Lyrikbändchen ‘Hinter den Masken’ veröffentlicht, das heute vergriffen ist. Ich habe mal kurz darüber nachgedacht, ob ich den Band neu auflegen sollte, aber die Gedichte von damals sind nicht mehr meine Gedichte von heute. Ich besitze noch Unterlagen eines Workshops aus dieser Zeit, die ich mir wieder einmal vorgenommen habe. Witzigerweise fängt dieser Workshop ausgerechnet mit Freier Lyrik an. Das fand ich schon damals ausgesprochen schwierig. Weil man aus der Schulzeit Lyrik meistens zunächst mit Reimen verbindet. Freie Lyrik ist also erst einmal gar nicht so einfach. Und wenn man dann so ein Gedicht schreibt, hat man keine Ahnung, wie es bei demjenigen, der es liest, ankommen wird. Noch mehr als bei Prosatexten ist Lyrik tatsächlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Trotzdem will ich mich mal wieder daran probieren, einfach weil ich im Moment dazu Lust habe.
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#Wir sind mehr
Was, wenn der Wind sich dreht,
was, wenn nichts mehr geht?
#wirsindmehr,
aber wo, außer auf Papier?
Auf den Straßen marschieren
die Anderen
die Herzen voll Hass,
die Augen sind leer.
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Manchmal
Manchmal
weiß ich nicht,
wo oben und wo unten ist.
Manchmal
frage ich mich,
wo rechts ist und wo links.
Manchmal
versuche ich,
es allen recht zu machen.
Doch wenn dann
das Oben unten wird,
und rechts wird zu links,
dann weiß ich wieder,
dass nur ich selbst
entscheide, was
für mich richtig ist.
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Leider ist es im Blog schwierig, Gedichte ansprechend zu formatieren. Daran übe ich noch.
Rabennacht

Rabennacht

Heute mal eine Kurzgeschichte für Kinder, so ab zehn Jahren vielleicht. Ich hatte kurz überlegt, sie mit in ‘Give me 5’ hineinzunehmen, es aber doch gelassen. Alle anderen Kurzgeschichten sind in diesem Buch für Erwachsene gedacht. Rabennacht entstand ursprünglich auch aus vorgegebenen Wörtern einer DWG. Die kam aber nie zustande, weil ich mit den 2400 Zeichen nicht hinkam. Jetzt ist sie um einiges länger und ich denke, das ist gut so.
Viel Spaß beim Lesen. Ausdrucken und privates Weitergeben an Kinder ausdrücklich erlaubt. Alle Rechte am Text vorbehalten.

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Rabennacht

„Was meinst du? Ob sie sich traut?“
Ben beobachtete Lea mit zusammengekniffenen Augen. Jan zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„So wie sie in der letzten Zeit mit ihren angeblichen Vorfahren angegeben hat, bleibt ihr doch kaum etwas anderes übrig.“
„Raubritter!“ Ben lachte verächtlich. „Ich krieg schon die Namen meiner Großeltern nicht mehr auf die Reihe.“
„Aber wenn es stimmt, dass die Ruine von Burg Rabenstein mal ihrer Familie gehörte, dann haben die bestimmt auch eine Ahnengalerie.“
Die beiden Jungen sahen wieder zu Lea und Marie hinüber, die mit ihren Fahrrädern schon seit zehn Minuten vor der Apotheke „Zu den Sieben Raben“ standen und offenbar heftig diskutierten.

Die Schüler der 7a verbrachten die Woche vor den Herbstferien im Landschulheim von Klein-Rabenstein, einer idyllischen Gemeinde unterhalb einer alten Burgruine. Die Raben, um die sich manch schaurige Geschichte drehte, hatten nicht nur der Burg und dem Dorf den Namen verliehen, auch verschiedene Kneipen und sogar die Apotheke schmückten sich damit.
„Wir werden sehen. Heute Abend ist Vollmond. Entweder kommt sie oder …“ Ben ließ offen, was passieren würde, wenn Lea am Ende kneifen würde.

Es war schon dunkel, als sich Lea, Ben und mehrere ihrer Klassenkameraden hinter dem Landschulheim trafen. Die Jungs fröstelten in der kalten Nachtluft und schielten etwas neidisch zu den Mädchen, die mit Schals, Mützen und Handschuhen gut gerüstet waren. Der Vollmond stand am Himmel und beleuchtete den Weg zur Burg. Lea knipste ihre Taschenlampe wieder aus. Wer weiß, wie lange die Batterie noch halten würde.
„Auf geht’s, Jungs. Oder hat euch der Mut verlassen? Heute Nacht werdet ihr die Ritter von Rabenstein kennenlernen.“

Lea grinste in sich hinein. Ben immer mit seinem Getue und den dämlichen Mutproben! Glaubte der wirklich, er könnte ihr mit seinen Sprüchen imponieren? Heute würde sie es ihm zeigen. Sie hatte die Burgruine im Sommer mit ihrer Familie besucht und ihre älteren Brüder hatten ihr einen geheimen Zugang zum alten Friedhof gezeigt, von dem man in die Ruine gelangen konnte, wenn die Pforte abgesperrt war. Tom und Lukas waren selbst schon mit ihren Klassen im Landschulheim gewesen und hatten die Reste der Burg ausgiebig erkundet. Die beiden waren für jeden Streich zu haben.

Die Jugendlichen machten sich an den Aufstieg. Jan blieb wie üblich auf der Hälfte des Weges keuchend stehen.
„Ich glaube, wir sollten umkehren, Leute. Mir ist saukalt, und wir kriegen auch jede Menge Ärger, wenn jemand entdeckt, dass wir weg sind.“
Ben stöhnte nur, Lea betrachtete den dicken Jungen mit einem eher mitleidigen Blick.
„Geh zurück, wenn du willst. Du kennst ja den Weg und dunkel ist es auch nicht.“
Einige der Mädchen kicherten.
„Reiß dich zusammen“, knurrte Ben. „Wir gehen alle weiter, verstanden?“ Er sah sich um.
„Wo steckt eigentlich Marie?“
„Ach, Marieee …“, Lea schmunzelte, was Ben im Dunkeln nicht sehen konnte. „Die Arme hat sich den Magen verdorben. Sie liegt im Bett.“
„Ha, ha“, höhnte einer der anderen Jungs. „Das glaubst du doch selbst nicht. Die ist nur cleverer als unser Jan.“
„Blödmann!“ Auch wenn Lea sich selbst oft genug über Jan und die anderen Jungs ärgerte, mochte sie es nicht, wenn über Jan hergezogen wurde. Sie mochte den Jungen irgendwie.

Kurz darauf kam die alte Mauer in Sicht, die Friedhof und Burgruine umgab. Die Gespräche verstummten. Schließlich fragte Ben: „Und jetzt, Miss Oberschlau, wie willst du da überhaupt hineinkommen?“
Eines der anderen Mädchen meinte: „Ich finde, das reicht doch jetzt. Ihr seht doch, dass hier außer Jan niemand Schiss hat, Lea jedenfalls bestimmt nicht.“
Lea richtete ihre Taschenlampe auf die Mauer.
„Kommt gar nicht in Frage. Aber ich habe dummerweise keinen Schlüssel für die Pforte.“
„Nee – oder?“ Ben sah sie empört an.
„Na, dann ist doch gut.“ Jan war die Erleichterung anzuhören. „Dann war’s das jetzt.“
„Aber ich weiß, wie wir auf jeden Fall in die Burg kommen.“ Lea legte eine bedeutungsschwangere Pause ein. „Schaut mal da vorne an der Friedhofsmauer, da ist etwas weggebrochen. Ich glaube, das war mal eine Schießscharte oder so was. Wir müssen nur durch die Lücke steigen und dann gehn wir durch den Friedhof …“
„Durch den Friedhof? Spinnst du? Nicht mit mir. Niemals!“ Jan drehte sich um und begann den Weg zurückzulaufen.
„Jan, du Feigling. Das ist doch jetzt nicht dein Ernst. Kneifen gilt nicht.“

Ben war stinkwütend, obwohl er zugeben musste, dass auch ihm der Friedhof bei Nacht nicht unbedingt geheuer war. Aber wenn die Mädchen das schafften, würde er sich garantiert nicht davor drücken. In diesem Moment flog ein schwarzer Schatten über ihre Köpfe hinweg und sie hörten einen lauten Schrei, dem ein Stöhnen folgte. Er zuckte zusammen. Lotte, eine von Leas Freundinnen, klammerte sich an ihm fest.
„Was zum Teufel war das?“
Ein weiterer Schatten folgte, dann noch einer und noch einer. Sieben schwarze Vögel.
„Die Raben, die Rabengeister“, brüllte Jan, der keuchend zurückgerannt kam, und sich Dreck von den Hosen klopfte. „Sie greifen an. Ich, ich …“
„Ich will zurück“, jammerte Lotte.

Lea bekam langsam ein schlechtes Gewissen. So viel Angst hatte sie nicht verbreiten wollen. Aber schließlich hatte man sie oft genug geärgert. Strafe musste sein. Sie stand schon vor der Mauerstelle, an der etliche der alten Steine herausgebrochen waren.
„Blödsinn! Ben, mach mal ‘ne Räuberleiter. Das ist die richtige Stelle. Ich geh zuerst.“
Der Junge sah sie mit unverhohlenem Respekt an. Die traute sich wirklich was. Konnte er das zulassen? Er räusperte sich, konnte aber nicht verhindern, dass seine Stimme mitten im Satz in ein zittriges Quieken umschlug. Ihm blieb aber auch nichts erspart.
„Nee du, lass mich mal. Männer zuerst.“
Einer nach dem anderen kletterten sie über die Mauer. Nur Jan blieb übrig, der es selbst mit Räuberleiter nicht hinüberschaffte.
„Wartet mal“, flüsterte Lea. „Das können wir nicht machen. Ben, ich weiß, wo eine Leiter liegt.“
Verblüfft sah der Junge, wie Lea einige Meter weiter eine alte Holzleiter aufhob und zur Mauer schleifte.
„Los. Reich Jan die Leiter rüber. Das müsste funktionieren.“
Jan ächzte und stöhnte, aber schließlich schaffte er es, sich durch den Spalt zu quetschen. Der Gedanke, auf der anderen Seite allein zurückzubleiben, war alles andere als verlockend gewesen.

Fröstelnd stand die kleine Gruppe dicht an dicht gedrängt zusammen, und Ben sah sich neugierig um.
„Nach einem Friedhof sieht das eigentlich gar nicht aus“, meinte er. „Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.“
Lea leuchtete mit ihrer Taschenlampe einige umgestürzte Grabsteine an.
„Viel ist hier wirklich nicht mehr zu sehen“, wisperte sie. „Überlege mal, wie viele Jahrhunderte schon vergangen sind. Und überhaupt hat man hier nur die einfachen Leute verscharrt.“
Sie senkte unheilverkündend die Stimme. „Und natürlich diejenigen, die man gehenkt, geköpft oder gevierteilt hat.“
„Aufhören“, riefen Jan und Lotte gleichzeitig. Ben fand allmählich Vergnügen an der Sache. Er glaubte Lea kein Wort mehr.
„Habt euch nicht so. Das ist doch Quatsch. Verbrecher wurden im Mittelalter gar nicht auf dem Friedhof begraben.“
„Stimmt“, gab Lea zu. „Und außerdem müssen wir in die alte Kapelle. Die Ritter wurden selbstverständlich in einer Gruft beigesetzt.“
Gruft! Lea mochte das Wort. Klang das nicht schon wundervoll schaurig? Der Strahl ihrer Lampe zeigte auf Reste eines rechteckigen Gemäuers, das noch gut erkennbar eine halbrunde Apsis aufwies.
„Also los, Leute“, kommandierte Ben entschlossen.

In diesem Moment hörten sie ein seltsames metallisches Klirren. Vor den Mauern der Kapelle erschien eine weiße Frauengestalt, die von zwei finsteren Gestalten in Kapuzenmänteln verfolgt wurde. Einer zog ein Schwert aus der Scheide seines Gürtels und …
„Scheiße“, schrie Jan. „Ich will hier weg, sofort.“
Lotte wollte sich erneut an Ben klammern. Doch der zog Lea an sich und fing an zu lachen.
„Du bist so was von durchtrieben, Lea. Also ehrlich.“ Er gab ihr einen Kuss, der ihn mindestens ebenso überraschte wie Lea.
„Was soll das?“, schimpfte Lotte empört. Statt einer Antwort richtete Ben seine Taschenlampe auf die Füße der drei Gespenster. Sneakers fluoreszierten im Strahl der Lampe.
„Oh Mann,“ schimpfte Lea. „Wie blöd kann man denn sein? Marie, Tom, Lukas, ihr seid enttarnt.“
Die drei Gespenster hielten in ihrem Treiben inne. Lea leuchtete nun ihrerseits mit ihrer Taschenlampe ihren Brüdern ins Gesicht.
„Aus der Spuk! Ihr seid doch selten dämlich.“ Aber insgeheim war sie auch ein bisschen froh, dass sie mit dem Schwindel aufhören konnte. Und was den Kuss eben anging … Lea warf Ben einen forschenden Blick zu.
„Was ist?“ Ben starrte an ihr vorbei in die Luft.
„Ach nichts.“