Daily prompts – Inspiration durch WordPress

Daily prompts – Inspiration durch WordPress

Früher war ich regelmäßig auf der WordPress.com Seite mit den Daily prompts – Anregungen zum Schreiben – unterwegs. Habe ich gerade mal wieder aufgegriffen. Das heutige Wort heißt: bewildert (engl.), also verwirrt, verblüfft. Es hat mich so kurz vor Mitternacht noch zu einem Minigedicht inspiriert. Vielleicht sollte ich die Daily Prompts mal wieder aufgreifen. Eine ähnliche Seite hat mir gestern zur aktuellen DWG verholfen, zu der mir erst gar nichts einfallen wollte.

Spiegelbild

Ich schau in den Spiegel.
Seh ich mein ICH?
Ich sehe Verwirrung.
So alt schon?
Nicht ich.

Und hier die DWG mit den drei vorgegebenen Wörtern: Quarantäne, Caddie und Implantat. Schreckliche Vorgaben – oder? Und natürlich die Sache mit den 2.400 Zeichen.

Havana

Die Gänge des Krankenhauses erschienen ihr endlos. Eigentlich hatte sie es sich schon lange angewöhnt, Anrufer, die sich nicht mit ihrem Namen meldeten, sofort wieder wegzudrücken. Doch diesmal hatte sie es nicht verhindern können, dass sie der seltsam näselnden Stimme zuhörte.
“Helfen Sie Ihrem Mann. Fahren Sie zum St. Vincent Hospital.“

Wieso hatte Sie das Gespräch angenommen? Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie ihr Handy wieder vor sich und es durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag: Natürlich, das Display hatte Ralfs Nummer und Profilfoto angezeigt. Das Englisch hatte holprig geklungen, die Stimme war eindeutig verstellt mit spanischem Akzent. Ralf hatte sich drei Stunden zuvor zum Golfplatz aufgemacht. Der exklusive Club war nur Mitgliedern zugänglich. Aber ihr Ehemann hatte am Abend zuvor die Bekanntschaft eines einheimischen Chirurgen gemacht. Roberto hatte dem Kollegen nach einigen Runden Havana Mojito angeboten, ihn am nächsten Tag als Caddie einzuschleusen.

Wo zum Teufel waren hier die Ärzte, Pfleger, Angestellten? Die Rezeption des St.Vincent war unbesetzt. Irgendetwas stimmte hier nicht. Schon der Taxifahrer hatte sie so merkwürdig angesehen, als sie ihr Fahrtziel genannt.
„St. Vincent Hospital? You’re sure, Lady?“
Ja, sie war sich sicher gewesen. Dass der Bau von außen so marode aussah, war auf Kuba nicht ungewöhnlich. Jetzt wurde ihr schlagartig klar, dass dieses Krankenhaus völlig verlassen war. Sabrina ließ sich auf einen der alten Stühle fallen, die entlang der Wände standen, von denen die grüne Farbe abblätterte. Ihr brach der Schweiß aus. Sabrina holte ihr Handy aus der Umhängetasche. Vielleicht war das alles nur ein saudummer Scherz! Ja, ganz sicher hatten sich Ralf und Roberto nur einen Scherz auf ihre Kosten geleistet. Sie wurde wütend und tippte Ralfs Kurzwahlnummer ins Handy. Sie hörte das Klingel aus einem Raum schräg gegenüber. Sabrina sprang auf und prallte gegen die geschlossene Tür. Das leicht verrostete Schild war auch für sie verständlich: Stop! Quarantänestation – kein Zutritt. Das Handy klingelte nicht mehr. Dafür öffnete sich plötzlich die Tür. Sabrina sah in einen OP-Saal. Ralf im grünen OP-Kittel beugte sich gerade über … sie?

„He, Schatz, was ist los, Liebling?“ Jemand rüttelte an ihrer Schulter. „Hast du schlecht geträumt?“
„Oh Gott, Ralf.“ Sabrina war schweißgebadet. Unwillkürlich tastete sie nach den neuen Brustimplantaten. Alles gut. Nur ein Albtraum. Endlich hatte sie die perfekte Bikinifigur und sich den Urlaub redlich verdient.

Danke an Jon Butterworth bzw. Unsplash für das Foto: https://unsplash.com/@jonjons

Kein Winter, wenig Inspiration (Kleine DWG)

Kein Winter, wenig Inspiration (Kleine DWG)

Komisch ist das schon: Es gibt sicher reichlich Autoren, die um diese Jahreszeit schreiben können, was das Zeug hält. An sich logisch, denn man hat ja kaum mal eine Ablenkung durch schönes Wetter. Bei mir ist das anders. Mir schlägt das Dauergrau, das uns jetzt schon seit Dezember verfolgt, aufs Gemüt. Sobald sich mal die Sonne ansatzweise blicken lässt, bin ich draußen. Und am Schreibtisch mag ich einfach nicht sitzen. Dafür lese ich im Moment wieder sehr viel. Da kommen mir dann zwar Ideen, aber die Muse küsst mich dennoch nicht. Also habe ich der Webseite mal wieder ein neues Erscheinungsbild verpasst, ein winterliches, das im Grunde so gar nicht dem Blick aus dem Fenster entspricht. Im Garten blüht es bereits wie wild: Schneeglöckchen, Lenzrosen, die Zaubernuss, ein Schneeballstrauch … geradezu unglaublich. Und natürlich lasse ich mich auch gerne von den kleinen Geflügelten vor dem Fenster ablenken. An den Futterstellen ist immer was los. Ich schätze, ich weiß momentan auch nicht, ob ich weiter Krimis schreiben oder mit der Dystopie weitermachen soll … oder etwas ganz anderes. Ich werde mich heute mal wenigstens an die nächste kleine Drei-Wort-Geschichte machen. Die letzte fand ich selbst nicht so gelungen. Einigen Leuten hat sie aber doch gefallen, deshalb – bitteschön – stelle ich sie hier mal rein.

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Eingeölt und angeschmiert (Werkstatt, Praktikantin, Zeitung)

In der Autowerkstatt sah es aus, als müsse jeden Moment einer der Monteure unter einem Wagen hervorrollen. Werkzeuge lagen auf dem Boden, ein SUV stand aufgebockt über einer Grube. Im angrenzenden Büro klingelte das Telefon.
„Entschuldigung“, Frau Bernau sah Kommissarin Rimbach nervös an. „Ich …“
„Lassen Sie es klingeln. Sie sollten mir einige Fragen beantworten. Können wir uns irgendwo setzen?“

Auto-Bernau befand sich am Ortsrand von Maibach. Im angrenzenden Wäldchen hatte am frühen Morgen ein Spaziergänger die Leiche der siebzehnjährigen Praktikantin Isabel Reichert entdeckt.
Frau Bernau deutet auf eine kleine Sitzgruppe außerhalb der Werkstatt. „Hier bitte.“ Hektisch räumte sie einige herumliegende Zeitungen zur Seite.

„Wo könnte sich Ihr Mann aufhalten, Frau Bernau? Ist es normal, dass er verschwindet, ohne Ihnen eine Nachricht zu hinterlassen?“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Wir führen eine gute Ehe, müssen sie wissen. Peter – es muss ihm etwas passiert sein.“
Kommissarin Rimbach verzog kurz das Gesicht. Wie oft hatte sie diesen Satz schon gehört.
„Wäre das nicht ein Zufall zu viel? Ihre Praktikantin wird ermordet und dann soll auch Ihrem Mann etwas passiert sein? Wie stand denn ihr Mann zu Isabel Reichert?“
Für einen Moment blitzte ein zorniges Funkeln in Frau Bernaus Augen auf, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. „Was heißt, wie stand er zu Isabel? Sie war Praktikantin, sonst nichts.”
„Und Sie selbst? Einer Ihrer Monteure hat erzählt, Sie hätten sich gestern Abend mit Frau Reichert gestritten.“
„Blödsinn! Das heißt, ja, wir hatten eine kleine Auseinandersetzung , weil das Flittchen immer wieder zu spät kam.“ Die Frau knetete nervös ihre Finger. Kein Ehering, stellte Rimbach fest. Aber schwarze Ränder unter einigen Fingernägeln.
„Das Flittchen?“
Frau Bernau lief rot an. „Na, war doch so. Sie machte allen Männern schöne Augen.“
„Frau Rimbach!“ Aus der Halle kam ein Polizeibeamter auf die beiden Frauen zugelaufen. „Kommen Sie mal. Das müssen Sie sich ansehen.“

Unter dem SUV zwängten sich zwei Männer der Spusi aus der Grube, die weißen Anzüge voller Motorenöl.
„Da unten liegt einer“, bemerkte der Ältere der beiden. „Sieht ganz nach Bernau aus. Und schaun Sie mal.“ Er reichte der Kommissarin einen ölverschmierten Ehering.
Rimbach hörte einen halbunterdrückten Aufschrei und sah Frau Bernau davonlaufen.
„Dachte ich es mir doch. Los, hinterher, festnehmen!“

Jahresrückblick-Virus

Jahresrückblick-Virus

Der Jahresrückblick-Virus hat auch mich erwischt. An sich ist sowas für Bullet Journal Schreiberinnen sowieso Pflicht, aber mein BuJo habe ich in der zweiten Jahreshälfte ziemlich vernachlässigt. Es muss also andere Gründe haben, warum ich mich nun doch fast gezwungen sehe, mich mit einem Jahresrückblick zu befassen. Aber keine Sorge, das mache ich nicht hier, sondern doch lieber im stillen Kämmerlein und in meinem Bullet Journal. Es ist zumindest interessant zu sehen, dass dieses Jahr 2017 von mir insgesamt die Wertung “gut bis ganz okay” bekommen muss. Mein “Jahr in Pixeln” habe ich nämlich tatsächlich konsequent durchgehalten. Die dunklen Kästchen für schlechte Tage sind nur wenige, die leuchtend gelben allerdings genauso. Dennoch: Vom Gefühl her hätte ich mit mehr dunklen Kästchen gerechnet. Das bedeutet, dass ich wie sooft die eher schlechten Zeiten stärker in Erinnerung behalte als die guten. Und dass ich daran arbeiten sollte, dass das neue Jahr mehr Highlights bekommt.

Deshalb werde ich mit dem Bullet Journaling auch weitermachen. Das erste Halbjahr 2017 habe ich noch im Filofax sehr schön und mit viel Hingabe notiert, mit dem Umzug in den Leuchtturm wurde es dann spartanischer. Das hat aber nichts mit dem Notizbuch an sich zu tun, denke ich. Ich werde auch im neuen Jahr am gebundenen Notizbuch festhalten. Ich weiß, dass ich das aufheben werde, die Blätter aus dem Ringbuch werden irgendwann entsorgt werden. Ist seltsam, aber ein Ringbuch stelle ich mir einfach nicht in das Bücherregal. Trotzdem ist das Filofax nicht überflüssig geworden. Ich benutze es noch immer für die Dinge, die sich nicht verändern oder lose Kleinigkeiten wie Briefmarken. Obwohl ich auch in mein Ledercover für den Leuchtturm Klarsichthüllen einfügen kann, ist mir das Ringbuch da bislang noch immer praktischer.

Was bringt mir das Bullet Journaling nun am Jahresende tatsächlich? Ich finde den Rückblick spannend. Seit gestern gehe ich die einzelnen Monate noch einmal durch und mach mir so meine Gedanken über alles, was passiert ist und wofür ich mich interessiert habe. Ich habe auch ganz praktische Sachen notiert wie den Tag, an dem wir unseren Corsa bekommen haben oder die neue Spülmaschine fällig war. Und natürlich meine Gedanken zu den Menschen, die ich kannte und die 2017 gehen mussten. Miss Lu, Minibar-Bärbel und dann Blechi – alle drei innerhalb weniger Wochen. Das war ein trauriger Jahresbeginn. Aber auch meine Bücher kommen nicht zu kurz, meine Lesung im September, unser Urlaub – leider nur der eine kurze in Andalusien – und vieles mehr. Ziemlich konsequent habe ich das Wetter notiert. Da der Inhalt meiner Bea Baumann Krimis sehr zeitbezogen ist, kann ich immer gut nachschlagen und mich rückversichern, wie das Wetter in einem bestimmten Zeitraum tatsächlich war. Ich weiß ja inzwischen, dass es immer Leser gibt, die auch den kleinsten Irrtum aufdecken 🙁

In diesem Sinne werde ich das Bullet Journal auch im Jahr 2018 weiterführen, manches verändern, anderes beibehalten, aber es ist ein treuer Begleiter durch das Jahr und es macht Spaß, nach Wochen, Monaten und sicher auch nach Jahren wieder reinzuschaun. In meinem aktuellen Jahresrückblick habe ich mir ein paar Seiten aus dem Filofax in den Leuchtturm übertragen und entsprechende Zusammenfassungen geschrieben, so dass die erste Jahreshälfte 2017 nicht verloren geht.

Nun bleibt mir noch eins: Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern meines Blogs und meiner Bücher und den Anderen*** (am 08.11.2017 hat das Bundesverfassungsgericht anerkannt, dass es neben Mann und Frau auch ein drittes Geschlecht gibt) einen schönen Jahresausklang und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2018.

*** Das mit den Anderen muss noch diskutiert werden. Wie soll die Anredeformel denn in Zukunft bitte lauten?

Gerade eben, kurz vor siebzehn Uhr. Heute war es sehr warm und auch sehr hell. Da konnte man fast schon an Frühling denken. Ist natürlich Unsinn, der Winter kommt bestimmt noch.

Fröhliche Weihnachten

Fröhliche Weihnachten

Liebe Freunde,
liebe Leserinnen und Leser meiner Bücher und meiner Blogs,

nun ist es fast soweit – es ist mal wieder Weihnachten. Zeit, um euch allen “Danke” zu sagen – danke, dass ihr hier lest, kommentiert und euch für meine Bücher und für die kleinen Geschichten hier im Blog interessiert.

In diesen Tagen vor Weihnachten freue ich mich darüber, dass auch der Verkauf meiner Bücher noch einmal einen Aufschwung nimmt. Das ist zwar alles sehr überschaubar, gibt mir aber doch das Gefühl, nicht für den Reißwolf geschrieben zu haben. Vielen Dank also an alle, die meine Bücher lesen. Damit verbunden möchte ich zaghaft aber doch, noch mal den Wunsch nach Rezensionen auf Amazon äußern. Vor allem “Vergangen heißt nie ganz vorbei” könnte noch die eine oder andere Rezension gebrauchen. Ich sehe allerdings gerade, dass mir mal wieder mit einer aktuellen Beurteilung “viele, viele Fehler” unterstellt werden. Komisch, dass mich “Lesekater” an die “Miezekatze” von “Mord in der Schwanheimer Düne” erinnert. Diesmal werde ich den Teufel tun und darauf reagieren. Mit sowas muss man einfach leben.

Auch im neuen Jahr wird es mit dem Schreiben weitergehen. Neben der Gesellschaftsutopie, die mir im Moment als Vorhaben schon fast wieder ein bisschen zu groß vorkommt, denke ich auch an einen dritten Bea Baumann Krimi. Ideen habe ich viele, einige davon werde ich sicher umsetzen.

Und ja – einen Lesetipp habe ich auch noch. Wer gerne historische Romane liest, die ein bisschen mehr Tiefgang haben, dem sei “Die Protestantin” von Gina Mayer empfohlen.

Viele der dort handelnden Personen haben tatsächlich gelebt und die Gesellschaft im Deutschland des 19. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst. Mir war bis dahin gar nicht klar, dass ich vermutlich mehr über die französische Revolution weiß, als darüber, was sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland abgespielt hat.
Drei starke Frauen (fiktiv) begleiten den Weg des protestantischen Pastors Theodor Fliedner, dem Gründer der deutschen Diakoniebewegung. Die Gesellschaft befand sich damals an der Schwelle zu einem Umbruch, der einerseits eines Tages das Kaiserreich beenden würde, andererseits die Anfänge der Frauenbewegung erwarten lässt.
Das Buch hat bei Amazon viele positive Bewertungen bekommen, nur einige Leser fanden es langweilig, konnten keine emotionale Beziehung zu den handelnden Personen aufbauen. Diesen Punkt finde ich sehr spannend, weil wir zumindest im Belletristikkurs sehr stark auf die Notwendigkeit vom Zusammenspiel zwischen einem Protagonisten und einem Antagonisten getrimmt wurden. In einem Roman, der weder einen herausragenden Protagonisten noch einen ebenbürtigen Antagonisten kennt, mag das für manchen Leser tatsächlich zum Problem werden. Mich hat es nicht gestört, da ich alle Personen interessant fand und das große Ganze einfach stimmig ist. (Dieser Lesetipp enthält einen Affiliatelink)

 

Mit Brief und Siegel

Mit Brief und Siegel

Heute kam von der Hamburger Fachakademie – Der Schule des Schreibens – mein Zertifikat, das mir den erfolgreichen Abschluss des Studiengangs “Belletristik” bescheinigt. Na, das ist doch was, auch wenn es sicher nicht das bedeutendste Zertifikat oder Diplom in meinem Leben ist. Aber irgendwie freut man sich dann doch immer wieder, wenn man etwas geschafft hat. So war es schon immer. Trotz Staatsexamen und Promotion habe ich mich später über den bestandenen “Ganzheitlichen Gesundheitsberater” genauso gefreut wie über die bestandene Heilpraktikerprüfung. Irgendwie gehört es wohl einfach zu meinem Leben dazu, dass ich immer noch mal was Neues lernen muss. Ich finde es einfach bereichernd. Was kommt wohl als Nächstes? Keine Ahnung. Es gibt noch so viel, was man lernen könnte. Aber nicht für alles bedarf es offizieller Studiengänge. Ich denke, ich bleibe erst einmal beim Schreiben. Und Fotografieren. Und …

DWG – Der Blumenfreund

DWG – Der Blumenfreund

Vor Weihnachten noch eine letzte Drei-Wort-Geschichte mit den Vorgaben: Wohnzimmer, Moderatorin und Gummistiefel. – Nebenbei bin ich mit dem Dezember-Newsletter beschäftigt – jawohl! , der kommt tatsächlich noch. Ich kann schon mal verraten, dass ich meinen Abschluss an der Schule des Schreibens geschafft habe. Über den Newsletter wird es einen Link zu einer Leseprobe meiner Abschlussarbeit geben. Aber nun erst einmal zu unserem Blumenfreund.

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Ein Blumenfreund (Wohnzimmer, Moderatorin, Gummistiefel)

Herbert liebte feste Regeln und Ordnung über alles. Seine Ex hatte ihn deshalb gerne mal als Pedanten beschimpft. Aber was wusste die schon! Nun ruhte sie schon seit Jahren in Frieden unter einem Bankdirektor. Jeden Sonntagnachmittag schaltete Herbert pünktlich um 15:30 Uhr in seinem Wohnzimmer das Fernsehgerät ein. Wenn ihn Frauke Hellmich in ihren Gummistiefeln und der hübschen grünen Schürze in ihren Garten einlud, vergaß Herbert alles um sich herum, einschließlich seines trögen Jobs als Friedhofsgärtner. Akribisch notierte er die Pflanzpläne, die die blonde Moderatorin am Ende der Sendung einblenden ließ. Für jede Jahreszeit, für jeden Boden die richtigen Blumen, das war ihre Botschaft.

Von montags bis freitags ging er seinem Beruf nach und unterließ es nie, die trauernden Hinterbliebenen bei der Grabgestaltung zu beraten. Die älteren Damen nahmen seine Vorschläge meist gerne an, ließ es sich mit Herbert doch wunderbar plaudern. Nur manchmal war die eine oder andere unbelehrbar. Da wollten sie Efeu pflanzen, wo Herbert Funkien und Buschwindröschen empfahl. Efeu – weil der so praktisch war! Es war nicht zu fassen. Mit Bedauern dachte Herbert an Gerda Müller. Normalerweise eine wirklich nette Frau. Warum wollte sie einfach nicht verstehen, dass die Teerosen auf dem Grab ihres Gatten nicht gedeihen würden? Richtig wütend war sie sogar geworden. Er solle sich um seine Arbeit kümmern und sie mal machen lassen, hatte sie ihm an den Kopf geworfen. Sie wisse schon, was ihrem Robert gefallen hätte. Irgendwie hatte sie ihn in diesem Moment an seine Ex erinnert.

Herbert warf Spaten und Grabegabel auf seine Schubkarre und zog die Zeitung aus dem Papierkorb, die jemand unordentlich zusammengeknüllt hineingeworfen hatte. Auch so eine Unart, die er hasste. Warum konnten die Menschen mit den Dingen nicht achtsamer umgehen? Sorgfältig strich er die Seiten glatt und las die Schlagzeile, die ihm vom Titelblatt entgegensprang: Wer hat Gerda M. gesehen? Rentnerin kam vom Friedhofsbesuch nicht in die Seniorenresidenz zurück. Die Fünfundsechzigjährige trug bei ihrem Verschwinden eine dunkelblaue Hose, dunkelblaue Schnürschuhe und eine ebenfalls dunkelblaue Jacke. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen oder Tel. 069 ………

Herbert steckte die Zeitung in den Papierkorb zurück und sah auf die Uhr. 18 Uhr – Feierabend. Nun noch einen kleinen Abstecher zum hinteren Teil des Friedhofs, wo die abgeräumten Gräber der Wildnis überlassen wurden. Hierhin verirrten sich nur selten Besucher. Und die wenigen, die hier doch hin und wieder spazieren gingen, wunderten sich manchmal, dass sie zwischen Eselsdisteln, Brennnesseln und meterhohem Unkraut auf Beete stießen, die mit den schönsten Blumen bepflanzt waren. Seit vergangenem Dienstag blühten hier gelbe Rosen.
©EHeinze