Kurzgeschichte: Der Geist des Alten

Kurzgeschichte: Der Geist des Alten

Hier mal wieder eine der Ultrakurzgeschichten mit den Wortvorgaben: Kornfeld, Ouijabrett und Ghostwriter. Was für eine Zusammenstellung! Und plötzlich hatte ich dann doch eine Eingebung. Ich sag nur: Vorsicht Satire! Viel Spaß beim Lesen.

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Der Geist des Alten

Die schwere Limousine glitt gemächlich über die von hohen, alten Bäumen flankierte Allee dahin. Der junge, afghanische Chauffeur hatte auf Autopilot gestellt und beobachtete im Rückspiegel das müde Gesicht seiner Chefin.
Hin und wieder blitzten zwischen den Bäumen die goldgelben Kornfelder ihrer uckermärkischen Heimat auf. Angie dachte an das Verlagsgespräch zurück, das sie gerade geführt hatte. Sie hatten mit Sicherheit einen perfekten Ghostwriter für ihre Memoiren gefunden. Angie kannte und schätzte die spitze Feder des Mannes. Sie hatte Physik studiert und jahrzehntelang die Politik des Landes bestimmt. Schreiben war nicht ihre Sache. Aber zu erzählen hatte sie eine Menge.

Der Innenminister wird sich noch wundern.
Bei diesem Gedanken machte sich ein ungewohnt sardonisches Grinsen in ihrem Gesicht breit. Sie freute sich schon jetzt auf die Präsentation des Buches. Doch bis dahin gab es noch viel zu tun.
Angie kicherte. Morgen würde sie als erstes den Dorffriseur aufsuchen. Ihr graues Haar bestand auf seinem Recht, sich der Öffentlichkeit ohne jede Scham zu zeigen. Einen frechen Pixie würde sie sich schneiden lassen. Und dann vor allem Schluss mit den dämlichen Hosenanzügen. Unwillkürlich nahm sie die Hände weg von dem Brett, das auf ihrem Schoß lag. Sie betastete die Falten, die an ihrem Kinn seit Jahren an eine dieser hölzernen Marionetten erinnerten. Der Termin mit Professor Mang war schon vereinbart.
Oh, ihr alle werdet euch noch wundern!

Die Finger wanderten zurück auf das alte, abgegriffene Quijabrett. Zahlen und Buchstaben waren dort eingebrannt. Sonne, Mond und Sterne. Wörter wie Ja und Nein, Danke oder Ende. Kaum noch zu ertasten war der kurze Satz „Ich warte“. Warten war in ihren Augen immer die beste Alternative gewesen. Den kleinen Zeiger, die Planchette aus reinem Bergkristall, hatte sie sich zur Halskette umarbeiten lassen. Sie brauchte ihn schon lange nicht mehr. Der Geist führt ihre Finger auch ohne dieses Hilfsmittel. Der Geist! Dankbar erinnerte sie sich an ihren Ziehvater. Der Alte aus Oggersheim hatte sie immer gut beraten. Sie beschloss, ihm zu Ehren heute Abend einen Pfälzer Saumagen auf den Tisch zu bringen. Nur dieses eine Mal noch. Danach würde sie sich sofort bei Weight Watchers anmelden.
Über der Allee ballten sich dunkle Wolken zusammen. Ein Blitz erhellte die Landschaft. Sein Widerschein traf das Ouijabrett über dem Wort ENDE.

©EHeinze/2018 – Bildquelle https://unsplash.com/@stephenleo1982

 

 

Plötzlich wieder schreiben …

Plötzlich wieder schreiben …

… und was dabei herauskommt *lach*. Es ging um die nächste Drei-Wort-Geschichte. Drei ziemlich verrückte Wörter waren vorgegeben: Gefängnis, Schwester und Straußen-Ei. Dann kam mir die Idee für’s Straußen-Ei. Nach Mitternacht habe ich mit dem Schreiben losgelegt und war schließlich richtig zufrieden mit meiner kleinen Geschichte, bis … tja, bis ich feststellen musste, dass ich das “Gefängnis” nicht drin hatte. Bestimmt hätte ich es noch unterbringen können, weil es auch im Alten Ägypten sicher Gefängnisse gab, aber der Begriff kam mir dafür seltsam vor. Also habe ich meine Geschichte in der Schule des Schreibens nicht unter DWGs eingestellt sondern schlicht unter Textkritik. Gefallen hat sie trotzdem. Mal schaun, ob sie auch hier ankommt. Viel Spaß beim Lesen.

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Das Straußen-Ei

„Herrin.“ Die junge Sklavin hatte den Raum leise betreten. Mit niedergeschlagenen Augen wartete sie furchtsam auf die Reaktion der Pharaonentochter.
Neferwaty, die den Nachmittag wie sooft auf der Liege im Innenhof verbrachte, während ihr Tänzerinnen und Knaben die Zeit vertrieben, drehte sich unwillig nach ihr um.
„Warum störst du? Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin.“ Sie griff nach der Schale mit den Datteln, die ihr ein Knabe reichte. Die goldenen Reifen, die ihre Arme schmückten, klirrten leise.

Asra näherte sich ihr zögerlich. Wie schön es hier doch war! Leise plätscherte Wasser in ein marmornes Becken und kühlte die Luft.
„Herrin, Marik der Händler ist eingetroffen. Er hat die Seidenstoffe mitgebracht, die Euch versprochen wurden. Und Federn von Pfauen und Straußen in den schönsten Farben. Und …“ Asras Gesicht glühte nun vor Begeisterung, obwohl sie kaum einen Blick auf die Waren hatte erhaschen können.

Neferwaty sprang auf. „Was? Wieso erfahre ich erst jetzt davon. Wann ist Marik gekommen?“ Mit einer herrischen Geste verscheuchte sie die beiden schwarzen Knaben, die ihr mit Palmwedeln Kühlung zugefächelt hatten.
Asra trat zwei Schritte zurück. „Ich weiß es nicht, Herrin. Aber die Herrin Satamany hat befohlen, dass er erst ihr die Waren vorzulegen habe.“

Neferwatys Gesicht verzerrte sich vor Zorn. Sie dachte an das vergoldete Straußenei, das ihr der Händler mitbringen sollte. Magische Kräfte versprach sein Besitz, Fruchtbarkeit und unwiderstehliche Anziehungskraft auf den Mann, den sie liebte. Sie konnte jede Hilfe brauchen, um Ramses für sich zu gewinnen, der nur Augen für ihre jüngere Schwester zu haben schien.

„Dummes Ding, du kommst wie immer zu spät“, herrschte sie das Mädchen an und verpasste ihr eine Ohrfeige. „Ich sollte dich auspeitschen lassen. Geh mir aus den Augen. Nein, warte, hole mir sofort Sherin, damit sie mir beim Ankleiden hilft.“
„Ja, Herrin.“ Asra wagte es nicht sich umzudrehen. So schnell sie konnte, verließ sie rückwartslaufend den Raum.

In feinste Seide gekleidet, einen hauchdünnen Schleier vor dem Gesicht, betrat sie wenige Minuten später den Bereich, in dem sie Marik mit seinen Waren vermutete. Sie wusste, dass ihr Vater dieses Verhalten niemals geduldet hätte. Doch hatte sich nicht auch bereits Satamany darüber hinweggesetzt?
Als sie den Hof betrat, wusste sie, dass sie zu spät kam. Es war Ramses, der Satamany ein wundervolles Straußenei aus purem Gold überreichte.

©EHeinze / Juni2018 – Bildquelle:https://unsplash.com/@dermanuskript

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Schnell noch eine Buchvorstellung. Da ich Krimis derzeit über habe, bin ich mal wieder bei den historischen Romanen gelandet. Und weil ich inzwischen davon überzeugt bin, dass sich unter den Kindle unlimited Kostenlosbüchern selten echte Perlen finden (Ausnahmen bestätigen die Regel), suche ich mir nun wieder Bücher aus, die was kosten 😉  Vor ein paar Tagen bin ich auf  “Die Frauenburg” von Marita Spang gestoßen. Der Titel war nun nicht so überzeugend, aber die Bewertungen. Das Buch ist bei Knaur erschienen und kostet schon in der Kindle Version 6,99 Euro. Also habe ich mich getraut und war vollauf zufrieden. Es ist wirklich erstaunlich, dass es doch auch schon im 14.Jahrhundert Frauen gab – historisch belegt – die als Burgherrinnen der Männerwelt erfolgreich trotzten. Loretta von Starkenburg-Sponheim dürfte eine der interessantesten  Frauen des Mittelalters auf deutschem Boden gewesen sein. Erstaunlich, dass ich von ihr vorher noch nichts gehört hatte. Der Roman verknüpft historische Ereignisse mit Fiktion und liest sich spannend, unterhaltsam und lebendig. So müssen historische Romane sein. Eine echte Leseempfehlung meinerseits.

Das mit der Wahl eines Buches, das es nicht als Kindle unlimited Buch gibt, klappt aber nicht immer. Ich habe gerade noch einen weiteren “historischen” Roman zur Rückerstattung eingereicht, der neben seinen 5-Sterne-Bewertungen auch noch allen Ernstes von einer Germanistin und Historikern geschrieben wurde: Die Magd und die Königin – selten so einen unrealistischen Unsinn gelesen. Allerdings nur angefangen und schnell wieder zugeklappt. Lasst die Finger davon.

DWG – Aufgestört

DWG – Aufgestört

Ich habe mir fest vorgenommen, das Schreiben nicht vollständig verkümmern zu lassen. Also gestern mal wieder in das Forum der Schule des Schreibens hineingeguckt und nach den drei Wörtern für die aktuelle DWG gesucht: Bahnhofsmission, Fan, DVD – du lieber Himmel, was für eine Zusammenstellung! Dann musste ich erst einmal Recherche betreiben. Ich hatte nur eine ungenügende Vorstellung von der Bahnhofsmission. Und ich muss sagen, das war wirklich interessant. Letzten Endes habe ich viel mehr erfahren, als ich brauchte, aber das macht ja nichts. Es passt zu meinem Vorhaben, mit den Heften der Schule des Schreibens auch nochmal von vorne anzufangen. Habe ich gestern auch getan und gerade in Heft 1 (GR01) geht es um Informationsbeschaffung und Archivierung. Man braucht als Autor Inspiration und Information gleichermaßen und muss auch mal auf “Eingemachtes” zurückgreifen können. Vieles habe ich am Anfang des Studiums (zu) schnell erledigt, wofür ich mir nun mehr Zeit nehmen möchte.
Gestern habe ich im Mainzauberblog auch kurz etwas über meine Rezensionen bei Amazon geschrieben, über die ich mir immer sehr viele Gedanken mache.

Im Studienheft fand ich ein Zitat von Michael Ende, das mich aufgerüttelt hat. Er schreibt: “Mir scheint, dass jene allzu große Selbstkritik, die manche daran hindert, jemals irgendetwas fertig zu schreiben, nichts anderes ist als eine faule Ausrede, mit der sie ihre Eitelkeit oder Unfähigkeit vor sich oder anderen kaschieren. Man setzt den Anspruch an sich selbst von vornherein so hoch, dass man ihm unmöglich genügen kann, und entschuldigt damit, dass man überhaupt nichts zuwege bringt. Damit ist  man der Kritik anderer entzogen und kann obendrein noch auf weniger Anspruchsvolle herunterblicken.”

Aua, das hat gesessen, und klar, den Schuh musste ich mir doch gleich wieder anziehen. Nun ist es ja nicht so, dass ich noch nie etwas zu Ende geschrieben hätte, aber ich gebe zu, dass ich für ein neues Projekt bei mir die Latte sehr hoch ansetze. Und andere Werke entsprechend bewerte. Zumindest Letzteres sollte ich besser lassen, Ersteres vielleicht auch 😉

Jetzt aber zur DWG (Bahnhofsmission, Fan, DVD)  – diesmal  sogar ziemlich genau die 2.400 Anschläge eingehalten. Viel Spaß beim Lesen.

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Aufgestört

„Greta, mach auf, verdammt!“
Wütend schlug Sascha gegen die Tür des Zimmers, das er sich in  der Wohngemeinschaft mit seiner Freundin teilte.
„Wenn du nicht gleich kommst, bin ich weg. Deinetwegen werde ich das Spiel bestimmt nicht verpassen.“
Sascha, eingefleischter Eintracht Fan, freute sich schon seit Tagen auf das Spiel gegen Schalke, für das er zwei Karten ergattert hatte. Warum zum Henker hatte er die zweite Karte nicht gleich einem Kumpel vertickt?

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Greta saß vor dem kleinen Fernseher und schaute gebannt auf die Bilder vor ihren Augen.
„Was guckst du denn da? Verdammt, wir müssen los.“
Sein Blick fiel auf die Hülle einer  DVD, die auf dem Boden herumlag.
„Das ist doch der Bahnhof. Und was ist daran so interessant?“
Greta hatte Tränen in den Augen, als sie sich zu ihm umdrehte.
„Das ist die Bahnhofsmission“, flüsterte sie. „Siehst du die Frau da am Tisch. Das ist meine Mutter.“
„Was?“ Sascha starrte entsetzt auf die verwahrloste Frau mit den wirren, grauen Haaren, die mit ihren Händen eine Teetasse umklammerte. Verstört ließ er sich neben Greta auf den Boden fallen.
„Aber wieso … hast du nicht gesagt, sie würde irgendwo auf Ibiza leben? Und wie kommst du überhaupt an diese DVD?“
Die Aufzeichnung begann zu rauschen, Greta drückte auf die Fernbedienung.

„Tobias hat mir das vorhin in die Hand gedrückt, samt Player. Und weißt du, was er gesagt hat? Wie die Mutter, so die Tochter.“ Greta machte nun keinen Versuch mehr, ihre Tränen zurückzuhalten.
„Dieser Scheißkerl!“ Sascha ballte die Fäuste.  Seitdem sich Greta von Tobias getrennt hatte, wurde sie unentwegt von ihrem Ex gemobbt. In der Firma, in der sie früher gejobbt hatte, hatte man ihr wegen seiner üblen Nachrede bereits gekündigt.  Aber das hier? Sascha runzelte die Stirn.
„Ist das wirklich deine Mutter? Wie kommt der Kerl zu diesen Bildern?“
„Ich habe keine Ahnung. Aber unsere Familien waren früher befreundet, bevor Papa …. Er muss sie zufällig gesehen und erkannt haben.“

Greta wischte sich wütend die Tränen aus den Augen, während die schwarze Mascara in kleinen Rinnsalen bis zum Kinn lief.
„Und jetzt verschwinde zu deinem Scheißfußballspiel. Ich will keinen von euch Kerlen mehr sehen.“
Sascha starrte sie einen Augenblick ratlos an, bevor er sich den Fanschal  vom Hals wickelte und Greta fest in die Arme nahm.
„Kommt gar nicht in Frage. Das Spiel kann ich mir auch noch später in der Sportschau ansehen.“

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Bildquelle: https://unsplash.com/@grohsfabian

Munroy Castle oder Gründliche Recherche ist alles

Munroy Castle oder Gründliche Recherche ist alles

Nach ewig langer Zeit tatsächlich mal wieder eine Mini-Kurzgeschichte auf der Basis der 3-Wort-Geschichten von mir. Vorgegeben waren: Geisterjäger, Grabgewölbe, Gabel. Im Forum der Schule des Schreibens war der kleine Gag am Ende kein Rätsel. Für Leser, die nicht selbst schreiben, könnte das eventuell anders sein. Traut euch also ruhig im Kommentar zu fragen, wenn euch etwas unklar bleibt.
Viel Spaß beim Lesen,
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Munroy Castle oder Gründliche Recherche ist alles

Was tut man nicht alles aus Liebe? Ich habe Phil auf einer Autorenlesung an der Uni kennengelernt. Phil ist gebürtiger Amerikaner, kam aber bereits als Kind nach Good Old Germany. Irgendwie ist die ganze Familie besessen von europäischer Historie, vor allem von allem Irrationalen und Mystischen. Als wir uns verlobten, musste ich ihm versprechen, dass wir unsere Hochzeitsnacht in einem englischen Spukschloss verbringen würden. Ein bisschen schräg fand ich das schon, aber warum nicht?

Die Hochzeitsreise führt uns über mehrere Bed & Breakfasts schließlich in den Norden des Landes, nach Munroy Castle. Als wir vor dem imposanten Gemäuer aus dem 13. Jahrhundert aus dem Auto steigen, fühlen wir uns tatsächlich ein wenig wie Geisterjäger.
„Jetzt schau dir das an, Baby!“ Phil stößt hörbar die Luft aus. „Der Wahnsinn – oder nicht?” Er macht eine komische, kleine Verbeugung.
“Mylady?” Er grinst übers ganze Gesicht und reicht mir seinen Arm.

Im Schloss werden wir bereits erwartet und dürfen uns umgehend einer Informationstour anschließen. Phil lauscht gespannt den Erzählungen, während ich den üppig blühenden Garten bewundere und ein Foto nach dem anderen mache. Es ist einfach himmlisch.

„Und jetzt betreten Sie bitte mit mir das Grabgewölbe der ersten Vorfahren der Familie Munroy. Bleiben sie dicht hinter mir.“ Mit unheilvoller Miene lotst uns unser Guide in ein sich kuppelförmig vor uns erhebendes Bauwerk. Einige ältere Damen zögern, Phil steht die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. Es ist finster und kühl. Von der Decke hängen Spinnweben und einige ziehen unwillkürlich den Kopf ein.
„Ob es hier Ratten gibt?“ Eine Dame hinter mir scheint sich vor lebenden Tieren jedenfalls mehr zu fürchten als vor Geistern.

„Und hier, meine Damen und Herren stehen Sie nun im Allerheiligsten. Zu Ihren Füßen ruhen die Earls von Munroy und ihre Familienmitglieder. Und, so sagt man, auch die Gebeine von Mary, einer Geliebten von Peter Munroy, dem Begründer von Munroy Castle, und ihrem gemeinsamen Sohn. Er soll ihr die Ehe versprochen haben, doch dann heiratete er standesgemäß, wie zu erwarten war, und ließ Mary mit ihrem Bastard im Stich.“
„Oh!“ Einige der Damen seufzen.

„Mary ertrug die Schande nicht. Sie erstach den Säugling mit einer silbernen Gabel und ließ ihn dem Earl auf einem Tablett servieren, bevor sie sich mit Gift das Leben nahm.“ Der Guide hält mit wildem Blick eine altertümliche Gabel in die Luft, an deren Zinken noch Blut zu kleben scheint.
„Oh .. ah …“, tönt es von mehreren Seiten.

„Seitdem spukt Marys Geist …“
„Entschuldigung.“ Phil kann kaum an sich halten vor Lachen. „Wann, sagten Sie, hat sich diese Tragödie abgespielt?“
Irritiert sieht ihn der Guide an und antwortet nach einigem Zögern unwillig: „Äh, ja, das muss so ums Jahr 1238 gewesen sein.“

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Das Foto stammt von Grace ZHU by Unsplash. Das Bild stellt Eilean Donan Castle in Dornie / Schottland dar. Soweit ich weiß, ist es kein Spukschloss.

 

Lisas Garten – Frühlingserwachen

Lisas Garten – Frühlingserwachen

Hier kommt eine Geschichte, die ich schon vor etlichen Jahren geschrieben habe. Heute ist sie mir mal wieder in die Hände gefallen. Und irgendwie finde ich sie immer noch nett. Eigentlich sollte es mal ein Buch werden, zwölf Geschichten aus Lisas Garten, eine für jeden Monat. Irgendwann blieben mir aber die Ideen aus und ich hatte damals auch keine Ahnung, wie ich so etwas illustrieren und veröffentlichen sollte. Vielleicht nehme ich die Idee mal wieder auf.

Lisas Garten – Der März

Lisas Papa sagte immer: „Im März, Lisa, da riecht es nach Frühling.“ Und wenn Lisas Mutter dann nachfragte, wie denn der Frühling genau rieche, dann schauten sich Papa und Lisa nur ungläubig an. Die beiden wussten genau, wie der Frühling riecht.

Als Lisa am einundzwanzigsten März aus dem Kindergarten nach Hause kam, wäre sie am liebsten gleich in den Garten hinausgegangen. Unterwegs hatte sie schon ihre dicke Jacke ausgezogen. Die Sonne schien herrlich warm. Das Mittagessen fand sie furchtbar überflüssig, aber natürlich bestand Mama darauf, dass erst einmal gegessen wurde. Am Tag zuvor hatte Lisa schon eine Menge Gänseblümchen auf der Wiese entdeckt, und die Krokusse und Osterglocken mussten doch heute endlich aufblühen! Und außerdem hatte sie ja gestern ein Gespräch belauscht, ein Gespräch von dem sie niemandem erzählt hatte, noch nicht mal dem Papa.

Lisa hatte am Rande eines Blumenbeetes in der Sonne gesessen und mit Mäxchen gespielt. Dem kleinen Kater gefiel es eindeutig, sich die Sonne auf das Fell scheinen und gleichzeitig von Lisa kraulen zu lassen. Er wälzte sich genüsslich im Gras, blieb auf dem Rücken liegen und gähnte herzhaft. Lisa zauste und streichelte sein dickes weißes Bauchfell, das so unglaublich weich und gemütlich war, und Mäxchen fand das toll, jedenfalls für eine Weile. Plötzlich aber spitzte er die Ohren, drehte sich auf seine vier weißen Pfoten, schüttelte irritiert den Kopf und trabte davon. Und auch Lisa hörte plötzlich etwas, ganz feine Stimmen, die aus dem Blumenbeet kamen oder genauer gesagt aus der Erde.

„Mama, ich will endlich an die Sonne“, klang es aus der Tiefe.
„Ja mein Schatz, bald ist es soweit, aber hab noch ein bisschen Geduld.“
„Und außerdem mag ich das grüne Mäntelchen nicht mehr tragen, mein rotes Kleid ist doch so schön.“
„Ach Nana, das musst du aber noch tragen, wenigstens bis du oben über der Erde bist.“
„Mama, das Ding juckt und es sieht hässlich aus. Und schau mal, Familie Glöckchen ist schon ganz weit oben.“
„Mein Schatz, das ist nicht unbedingt von Vorteil. Es ist noch kalt dort oben, manchmal liegt noch Schnee.“
„Mama, ich will aber …“

Lisa hatte inzwischen ihr Ohr ganz dicht an die Erde gepresst und fuhr erschrocken zusammen, als sie plötzlich ein silberhelles Lachen hörte.
Neben ihr stand eine winzige Wiesenelfe und zupfte an Lisas Hosenbeinen.
„Oh“, sagte Lisa, „seid ihr endlich wach?“ Sie nahm die kleine Elfe vorsichtig auf ihre Hand. „Wer bist du denn, ich habe dich noch nie gesehen?“
„Und wer bist du?“ gab die Elfe keck zurück, drehte sich einmal im Kreis herum, sodass sich ihr blaues Glockenkleid bauschte und die blonden Haare nur so flogen.
„Na gut, ich zuerst. Ich heiße Lisa und wohne hier. Und jetzt du.“
„Ich heiße Viola und bin eine Wiesenelfe. Ich wohne dort, wo das Gras am dichtesten wächst und die kleinen blauen Veilchen blühen. Aber was machst du mit deinem Ohr auf der Erde? Das wird doch ganz schmutzig.“
Viola schob sich die feinen Haare hinter ihre spitzen Ohren.

Lisa sah die Elfe voller Bewunderung an. Warum wurden Elfen niemals schmutzig, hatten niemals aufgeschlagene Knie und immer so hübsche Kleider an?

Dann besann sie sich und sagte: „Viola, ich habe da eben Stimmen gehört. Aus der Erde. Das klang, als ob sich Blumen in der Tiefe unterhalten.“
Lisa war etwas unsicher. Ob die kleine Elfe sie jetzt auslachen würde? Aber Viola fand es völlig normal, was Lisa ihr erzählte.
„Ach so, das sind bestimmt die Tulpenkinder, die es wieder mal nicht abwarten können“, kicherte sie. „Es ist doch jedes Jahr das Gleiche. Kaum hören sie, dass die Sprösslinge der Schneeglöckchen zur Erde rausgucken, wollen sie unbedingt auch nach oben. Dabei hat doch jede Blume ihre Zeit zum Blühen.“
Dann stutzte Viola plötzlich.
„Sag mal, Lisa, wieso kannst du die Blumen hören? Wieso können wir uns verstehen?“
Lisa zuckte mit den Schultern. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht.
„Können das denn nicht alle Kinder?“ fragte sie.
„O nein“, antwortete ihr die kleine Elfe. „Das können nur wenige. Das ist eine ganz besondere Gabe. Oder kennst du andere Kinder, die auch mit Elfen und Blumen sprechen? Und je älter sie werden, umso schwieriger wird es für sie.“

Lisa dachte einen Augenblick nach. Es stimmte, sie kannte niemanden, der so war wie sie. Sie erzählte es auch niemandem mehr, denn dann wurde sie doch nur ausgelacht. Nur Papa lachte sie nicht aus, sondern hatte ihr erzählt, dass ihre Oma auch immer mit den Blumen gesprochen habe.
„Dann will ich am besten gar nicht älter werden“, sagte sie schließlich.
„Das geht nicht“, antwortete ihr Viola und lachte ihr silberhelles Lachen. „Aber solange du weiter hier in diesen Garten kommst, Augen und Ohren aufsperrst, mit deinen Händen das Gras und die Bäume berührst, solange wirst du uns finden und verstehen. So, aber jetzt muss ich fort und nach den anderen aus meiner Familie sehen.“
„Kommst du wieder?“, wollte Lisa noch fragen, aber sie hörte nur noch ein leises Schwirren von zarten Flügeln, ein Klingeln wie von kleinen Glöckchen aus Glas, und Viola war verschwunden.
Lisa sah wieder zum Blumenbeet, und dort wo vorher nur Erde gewesen war, schob sich doch tatsächlich ein grüner Trieb mit einem trockenen braunen Mäntelchen nach oben. Lisa musste lachen. Da hatte es Nana, die kleine Tulpe, also doch noch geschafft. Hoffentlich würde es nicht noch einmal kalt werden.

©Elke Heinze/2018

DWG – Mit Frack & Brille

DWG – Mit Frack & Brille

Und schon wieder eine Minigeschichte aus der Serie “Drei-Wort-Geschichten” mit ~2.400 Zeichen. Die Vorgaben Antarktis, Honig und Gärtner(in) fand ich einigermaßen schwierig, und im Forum der Schule des Schreibens ging die Tendenz in Richtung Sci-Fi oder Krimi. Deshalb wollte ich unbedingt etwas anderes schreiben. Also habe ich mich mal an einer (Sach-)Geschichte für Kinder versucht.
Viel Spaß beim Lesen.

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Mit Frack und Brille

Elsa stand der Schweiß auf der Stirn. Sie war gerne mit ihrem Enkel im Kronberger Zoo unterwegs, aber das Auf und Ab in der Julihitze war heute eindeutig zu viel des Guten. Hier oben bei den Apfelbäumen hatten sie immerhin den höchsten Punkt des Geländes erreicht.
„Kommt hier überhaupt noch was, Oma? Apfelbäume finde ich echt langweilig.”
„Klar. Schau mal da vorn. Siehst du das Insektenhotel und die Bienenstöcke? Hier gibt es gleich eine Honigverkostung. Heute sind die Imker da.“
„Ach, Oma, ich will aber lieber ein Eis“, maulte Sascha. Geduld war eindeutig nicht seine Stärke. Zu oft hatten sie heute schon an den großen Gehegen gestanden und vergebens nach den Tieren Ausschau gehalten, die sich lieber in den Schatten verzogen hatten.
„Und außerdem hast du mir versprochen, dass wir noch zu den Pinguinen gehen.“
Auch Elsa fand die Aussicht auf ein Eis und Besuch bei den Pinguinen verlockend. Vielleicht konnte sie sich dabei zur Abkühlung gedanklich ein bisschen in die Arktis versetzen. Oder leben Pinguine in der Antarktis? Wie war das nochmal? Zu dumm, dass sie sich nicht schlaugemacht hatte. Wenn sie Pech hatte, würde Sascha es genau wissen wollen.

Von den Apfelbäumen ging es zügig abwärts. Auch die Roten Pandas waren nicht zu entdecken und Sascha grinste erst wieder über das ganze Gesicht, als sie die Eisbude erreichten. Mit zwei großen Eistüten folgten sie dem Rundgang, bis das Becken mit den Brillenpinguinen in Sichtweite kam. Schon von weitem konnten sie sehen, dass die ganze Pinguinfamilie im Wasser unterwegs war. Offenbar hatten sie vor den Gärtnern, die nebenan das Freigehege säuberten, die Flucht ergriffen.
„Oma, wieso heißen die eigentlich Brillenpinguine?“
„Tja, ich denke mal, das ist wegen der Fellzeichnung rund um die Augen.“ Hm, hieß das bei Pinguinen überhaupt Fellzeichnung? Während Elsa noch grübelte, kam es, wie es kommen musste.
„Oma, leben die eigentlich am Nordpol oder am Südpol?“
Elsa trat erneut der Schweiß auf die Stirn. Einer der Tierpfleger, der direkt neben ihnen stand, erkannte ihr Dilemma und kam ihr mit einer Antwort zuvor.
„Weder noch, junger Mann. Die leben in Afrika.“
Sascha verdrehte die Augen. „So ein Quatsch. In Afrika leben Löwen und Elefanten, aber keine Pinguine. Das weiß doch jedes Baby.“
Aber Elsa hatte bereits ihre Lesebrille auf der Nase und studierte das kleine Schild am Becken.
„Du das stimmt! Der Mann hat recht. Brillenpinguine sind tatsächlich die einzigen Pinguine, die an Afrikas Küsten leben.“
Doch Sascha hatte seine Frage schon vergessen und drückte sich die Nase an der Glasscheibe des großen Beckens platt.

Soweit die Geschichte. Für junge Leser – obwohl ihr es vermutlich besser wisst als Oma Elsa: Die meisten Pinguine leben in der Antarktis. Die Arktis ist dagegen das Reich der Eisbären. Brillenpinguine leben aber tatsächlich an den Küsten Südafrikas. Das Federkleid der Pinguine – es sind ja Vögel, keine Säugetiere – wirkt fast haarähnlich, weshalb Oma Elsa auf die Idee mit der Fellzeichnung kam. Brillenpinguine haben am Kopf nackte Haut mit einer schwarz-weißen Färbung und einem rosa Fleck rund um das Auge. Daher der Name.