Munroy Castle oder Gründliche Recherche ist alles

Munroy Castle oder Gründliche Recherche ist alles

Nach ewig langer Zeit tatsächlich mal wieder eine Mini-Kurzgeschichte auf der Basis der 3-Wort-Geschichten von mir. Vorgegeben waren: Geisterjäger, Grabgewölbe, Gabel. Im Forum der Schule des Schreibens war der kleine Gag am Ende kein Rätsel. Für Leser, die nicht selbst schreiben, könnte das eventuell anders sein. Traut euch also ruhig im Kommentar zu fragen, wenn euch etwas unklar bleibt.
Viel Spaß beim Lesen,
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Munroy Castle oder Gründliche Recherche ist alles

Was tut man nicht alles aus Liebe? Ich habe Phil auf einer Autorenlesung an der Uni kennengelernt. Phil ist gebürtiger Amerikaner, kam aber bereits als Kind nach Good Old Germany. Irgendwie ist die ganze Familie besessen von europäischer Historie, vor allem von allem Irrationalen und Mystischen. Als wir uns verlobten, musste ich ihm versprechen, dass wir unsere Hochzeitsnacht in einem englischen Spukschloss verbringen würden. Ein bisschen schräg fand ich das schon, aber warum nicht?

Die Hochzeitsreise führt uns über mehrere Bed & Breakfasts schließlich in den Norden des Landes, nach Munroy Castle. Als wir vor dem imposanten Gemäuer aus dem 13. Jahrhundert aus dem Auto steigen, fühlen wir uns tatsächlich ein wenig wie Geisterjäger.
„Jetzt schau dir das an, Baby!“ Phil stößt hörbar die Luft aus. „Der Wahnsinn – oder nicht?” Er macht eine komische, kleine Verbeugung.
“Mylady?” Er grinst übers ganze Gesicht und reicht mir seinen Arm.

Im Schloss werden wir bereits erwartet und dürfen uns umgehend einer Informationstour anschließen. Phil lauscht gespannt den Erzählungen, während ich den üppig blühenden Garten bewundere und ein Foto nach dem anderen mache. Es ist einfach himmlisch.

„Und jetzt betreten Sie bitte mit mir das Grabgewölbe der ersten Vorfahren der Familie Munroy. Bleiben sie dicht hinter mir.“ Mit unheilvoller Miene lotst uns unser Guide in ein sich kuppelförmig vor uns erhebendes Bauwerk. Einige ältere Damen zögern, Phil steht die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. Es ist finster und kühl. Von der Decke hängen Spinnweben und einige ziehen unwillkürlich den Kopf ein.
„Ob es hier Ratten gibt?“ Eine Dame hinter mir scheint sich vor lebenden Tieren jedenfalls mehr zu fürchten als vor Geistern.

„Und hier, meine Damen und Herren stehen Sie nun im Allerheiligsten. Zu Ihren Füßen ruhen die Earls von Munroy und ihre Familienmitglieder. Und, so sagt man, auch die Gebeine von Mary, einer Geliebten von Peter Munroy, dem Begründer von Munroy Castle, und ihrem gemeinsamen Sohn. Er soll ihr die Ehe versprochen haben, doch dann heiratete er standesgemäß, wie zu erwarten war, und ließ Mary mit ihrem Bastard im Stich.“
„Oh!“ Einige der Damen seufzen.

„Mary ertrug die Schande nicht. Sie erstach den Säugling mit einer silbernen Gabel und ließ ihn dem Earl auf einem Tablett servieren, bevor sie sich mit Gift das Leben nahm.“ Der Guide hält mit wildem Blick eine altertümliche Gabel in die Luft, an deren Zinken noch Blut zu kleben scheint.
„Oh .. ah …“, tönt es von mehreren Seiten.

„Seitdem spukt Marys Geist …“
„Entschuldigung.“ Phil kann kaum an sich halten vor Lachen. „Wann, sagten Sie, hat sich diese Tragödie abgespielt?“
Irritiert sieht ihn der Guide an und antwortet nach einigem Zögern unwillig: „Äh, ja, das muss so ums Jahr 1238 gewesen sein.“

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Das Foto stammt von Grace ZHU by Unsplash. Das Bild stellt Eilean Donan Castle in Dornie / Schottland dar. Soweit ich weiß, ist es kein Spukschloss.

 

Lisas Garten – Frühlingserwachen

Lisas Garten – Frühlingserwachen

Hier kommt eine Geschichte, die ich schon vor etlichen Jahren geschrieben habe. Heute ist sie mir mal wieder in die Hände gefallen. Und irgendwie finde ich sie immer noch nett. Eigentlich sollte es mal ein Buch werden, zwölf Geschichten aus Lisas Garten, eine für jeden Monat. Irgendwann blieben mir aber die Ideen aus und ich hatte damals auch keine Ahnung, wie ich so etwas illustrieren und veröffentlichen sollte. Vielleicht nehme ich die Idee mal wieder auf.

Lisas Garten – Der März

Lisas Papa sagte immer: „Im März, Lisa, da riecht es nach Frühling.“ Und wenn Lisas Mutter dann nachfragte, wie denn der Frühling genau rieche, dann schauten sich Papa und Lisa nur ungläubig an. Die beiden wussten genau, wie der Frühling riecht.

Als Lisa am einundzwanzigsten März aus dem Kindergarten nach Hause kam, wäre sie am liebsten gleich in den Garten hinausgegangen. Unterwegs hatte sie schon ihre dicke Jacke ausgezogen. Die Sonne schien herrlich warm. Das Mittagessen fand sie furchtbar überflüssig, aber natürlich bestand Mama darauf, dass erst einmal gegessen wurde. Am Tag zuvor hatte Lisa schon eine Menge Gänseblümchen auf der Wiese entdeckt, und die Krokusse und Osterglocken mussten doch heute endlich aufblühen! Und außerdem hatte sie ja gestern ein Gespräch belauscht, ein Gespräch von dem sie niemandem erzählt hatte, noch nicht mal dem Papa.

Lisa hatte am Rande eines Blumenbeetes in der Sonne gesessen und mit Mäxchen gespielt. Dem kleinen Kater gefiel es eindeutig, sich die Sonne auf das Fell scheinen und gleichzeitig von Lisa kraulen zu lassen. Er wälzte sich genüsslich im Gras, blieb auf dem Rücken liegen und gähnte herzhaft. Lisa zauste und streichelte sein dickes weißes Bauchfell, das so unglaublich weich und gemütlich war, und Mäxchen fand das toll, jedenfalls für eine Weile. Plötzlich aber spitzte er die Ohren, drehte sich auf seine vier weißen Pfoten, schüttelte irritiert den Kopf und trabte davon. Und auch Lisa hörte plötzlich etwas, ganz feine Stimmen, die aus dem Blumenbeet kamen oder genauer gesagt aus der Erde.

„Mama, ich will endlich an die Sonne“, klang es aus der Tiefe.
„Ja mein Schatz, bald ist es soweit, aber hab noch ein bisschen Geduld.“
„Und außerdem mag ich das grüne Mäntelchen nicht mehr tragen, mein rotes Kleid ist doch so schön.“
„Ach Nana, das musst du aber noch tragen, wenigstens bis du oben über der Erde bist.“
„Mama, das Ding juckt und es sieht hässlich aus. Und schau mal, Familie Glöckchen ist schon ganz weit oben.“
„Mein Schatz, das ist nicht unbedingt von Vorteil. Es ist noch kalt dort oben, manchmal liegt noch Schnee.“
„Mama, ich will aber …“

Lisa hatte inzwischen ihr Ohr ganz dicht an die Erde gepresst und fuhr erschrocken zusammen, als sie plötzlich ein silberhelles Lachen hörte.
Neben ihr stand eine winzige Wiesenelfe und zupfte an Lisas Hosenbeinen.
„Oh“, sagte Lisa, „seid ihr endlich wach?“ Sie nahm die kleine Elfe vorsichtig auf ihre Hand. „Wer bist du denn, ich habe dich noch nie gesehen?“
„Und wer bist du?“ gab die Elfe keck zurück, drehte sich einmal im Kreis herum, sodass sich ihr blaues Glockenkleid bauschte und die blonden Haare nur so flogen.
„Na gut, ich zuerst. Ich heiße Lisa und wohne hier. Und jetzt du.“
„Ich heiße Viola und bin eine Wiesenelfe. Ich wohne dort, wo das Gras am dichtesten wächst und die kleinen blauen Veilchen blühen. Aber was machst du mit deinem Ohr auf der Erde? Das wird doch ganz schmutzig.“
Viola schob sich die feinen Haare hinter ihre spitzen Ohren.

Lisa sah die Elfe voller Bewunderung an. Warum wurden Elfen niemals schmutzig, hatten niemals aufgeschlagene Knie und immer so hübsche Kleider an?

Dann besann sie sich und sagte: „Viola, ich habe da eben Stimmen gehört. Aus der Erde. Das klang, als ob sich Blumen in der Tiefe unterhalten.“
Lisa war etwas unsicher. Ob die kleine Elfe sie jetzt auslachen würde? Aber Viola fand es völlig normal, was Lisa ihr erzählte.
„Ach so, das sind bestimmt die Tulpenkinder, die es wieder mal nicht abwarten können“, kicherte sie. „Es ist doch jedes Jahr das Gleiche. Kaum hören sie, dass die Sprösslinge der Schneeglöckchen zur Erde rausgucken, wollen sie unbedingt auch nach oben. Dabei hat doch jede Blume ihre Zeit zum Blühen.“
Dann stutzte Viola plötzlich.
„Sag mal, Lisa, wieso kannst du die Blumen hören? Wieso können wir uns verstehen?“
Lisa zuckte mit den Schultern. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht.
„Können das denn nicht alle Kinder?“ fragte sie.
„O nein“, antwortete ihr die kleine Elfe. „Das können nur wenige. Das ist eine ganz besondere Gabe. Oder kennst du andere Kinder, die auch mit Elfen und Blumen sprechen? Und je älter sie werden, umso schwieriger wird es für sie.“

Lisa dachte einen Augenblick nach. Es stimmte, sie kannte niemanden, der so war wie sie. Sie erzählte es auch niemandem mehr, denn dann wurde sie doch nur ausgelacht. Nur Papa lachte sie nicht aus, sondern hatte ihr erzählt, dass ihre Oma auch immer mit den Blumen gesprochen habe.
„Dann will ich am besten gar nicht älter werden“, sagte sie schließlich.
„Das geht nicht“, antwortete ihr Viola und lachte ihr silberhelles Lachen. „Aber solange du weiter hier in diesen Garten kommst, Augen und Ohren aufsperrst, mit deinen Händen das Gras und die Bäume berührst, solange wirst du uns finden und verstehen. So, aber jetzt muss ich fort und nach den anderen aus meiner Familie sehen.“
„Kommst du wieder?“, wollte Lisa noch fragen, aber sie hörte nur noch ein leises Schwirren von zarten Flügeln, ein Klingeln wie von kleinen Glöckchen aus Glas, und Viola war verschwunden.
Lisa sah wieder zum Blumenbeet, und dort wo vorher nur Erde gewesen war, schob sich doch tatsächlich ein grüner Trieb mit einem trockenen braunen Mäntelchen nach oben. Lisa musste lachen. Da hatte es Nana, die kleine Tulpe, also doch noch geschafft. Hoffentlich würde es nicht noch einmal kalt werden.

©Elke Heinze/2018

DWG – Mit Frack & Brille

DWG – Mit Frack & Brille

Und schon wieder eine Minigeschichte aus der Serie “Drei-Wort-Geschichten” mit ~2.400 Zeichen. Die Vorgaben Antarktis, Honig und Gärtner(in) fand ich einigermaßen schwierig, und im Forum der Schule des Schreibens ging die Tendenz in Richtung Sci-Fi oder Krimi. Deshalb wollte ich unbedingt etwas anderes schreiben. Also habe ich mich mal an einer (Sach-)Geschichte für Kinder versucht.
Viel Spaß beim Lesen.

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Mit Frack und Brille

Elsa stand der Schweiß auf der Stirn. Sie war gerne mit ihrem Enkel im Kronberger Zoo unterwegs, aber das Auf und Ab in der Julihitze war heute eindeutig zu viel des Guten. Hier oben bei den Apfelbäumen hatten sie immerhin den höchsten Punkt des Geländes erreicht.
„Kommt hier überhaupt noch was, Oma? Apfelbäume finde ich echt langweilig.”
„Klar. Schau mal da vorn. Siehst du das Insektenhotel und die Bienenstöcke? Hier gibt es gleich eine Honigverkostung. Heute sind die Imker da.“
„Ach, Oma, ich will aber lieber ein Eis“, maulte Sascha. Geduld war eindeutig nicht seine Stärke. Zu oft hatten sie heute schon an den großen Gehegen gestanden und vergebens nach den Tieren Ausschau gehalten, die sich lieber in den Schatten verzogen hatten.
„Und außerdem hast du mir versprochen, dass wir noch zu den Pinguinen gehen.“
Auch Elsa fand die Aussicht auf ein Eis und Besuch bei den Pinguinen verlockend. Vielleicht konnte sie sich dabei zur Abkühlung gedanklich ein bisschen in die Arktis versetzen. Oder leben Pinguine in der Antarktis? Wie war das nochmal? Zu dumm, dass sie sich nicht schlaugemacht hatte. Wenn sie Pech hatte, würde Sascha es genau wissen wollen.

Von den Apfelbäumen ging es zügig abwärts. Auch die Roten Pandas waren nicht zu entdecken und Sascha grinste erst wieder über das ganze Gesicht, als sie die Eisbude erreichten. Mit zwei großen Eistüten folgten sie dem Rundgang, bis das Becken mit den Brillenpinguinen in Sichtweite kam. Schon von weitem konnten sie sehen, dass die ganze Pinguinfamilie im Wasser unterwegs war. Offenbar hatten sie vor den Gärtnern, die nebenan das Freigehege säuberten, die Flucht ergriffen.
„Oma, wieso heißen die eigentlich Brillenpinguine?“
„Tja, ich denke mal, das ist wegen der Fellzeichnung rund um die Augen.“ Hm, hieß das bei Pinguinen überhaupt Fellzeichnung? Während Elsa noch grübelte, kam es, wie es kommen musste.
„Oma, leben die eigentlich am Nordpol oder am Südpol?“
Elsa trat erneut der Schweiß auf die Stirn. Einer der Tierpfleger, der direkt neben ihnen stand, erkannte ihr Dilemma und kam ihr mit einer Antwort zuvor.
„Weder noch, junger Mann. Die leben in Afrika.“
Sascha verdrehte die Augen. „So ein Quatsch. In Afrika leben Löwen und Elefanten, aber keine Pinguine. Das weiß doch jedes Baby.“
Aber Elsa hatte bereits ihre Lesebrille auf der Nase und studierte das kleine Schild am Becken.
„Du das stimmt! Der Mann hat recht. Brillenpinguine sind tatsächlich die einzigen Pinguine, die an Afrikas Küsten leben.“
Doch Sascha hatte seine Frage schon vergessen und drückte sich die Nase an der Glasscheibe des großen Beckens platt.

Soweit die Geschichte. Für junge Leser – obwohl ihr es vermutlich besser wisst als Oma Elsa: Die meisten Pinguine leben in der Antarktis. Die Arktis ist dagegen das Reich der Eisbären. Brillenpinguine leben aber tatsächlich an den Küsten Südafrikas. Das Federkleid der Pinguine – es sind ja Vögel, keine Säugetiere – wirkt fast haarähnlich, weshalb Oma Elsa auf die Idee mit der Fellzeichnung kam. Brillenpinguine haben am Kopf nackte Haut mit einer schwarz-weißen Färbung und einem rosa Fleck rund um das Auge. Daher der Name.

 

Daily prompts – Inspiration durch WordPress

Daily prompts – Inspiration durch WordPress

Früher war ich regelmäßig auf der WordPress.com Seite mit den Daily prompts – Anregungen zum Schreiben – unterwegs. Habe ich gerade mal wieder aufgegriffen. Das heutige Wort heißt: bewildert (engl.), also verwirrt, verblüfft. Es hat mich so kurz vor Mitternacht noch zu einem Minigedicht inspiriert. Vielleicht sollte ich die Daily Prompts mal wieder aufgreifen. Eine ähnliche Seite hat mir gestern zur aktuellen DWG verholfen, zu der mir erst gar nichts einfallen wollte.

Spiegelbild

Ich schau in den Spiegel.
Seh ich mein ICH?
Ich sehe Verwirrung.
So alt schon?
Nicht ich.

Und hier die DWG mit den drei vorgegebenen Wörtern: Quarantäne, Caddie und Implantat. Schreckliche Vorgaben – oder? Und natürlich die Sache mit den 2.400 Zeichen.

Havana

Die Gänge des Krankenhauses erschienen ihr endlos. Eigentlich hatte sie es sich schon lange angewöhnt, Anrufer, die sich nicht mit ihrem Namen meldeten, sofort wieder wegzudrücken. Doch diesmal hatte sie es nicht verhindern können, dass sie der seltsam näselnden Stimme zuhörte.
“Helfen Sie Ihrem Mann. Fahren Sie zum St. Vincent Hospital.“

Wieso hatte Sie das Gespräch angenommen? Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie ihr Handy wieder vor sich und es durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag: Natürlich, das Display hatte Ralfs Nummer und Profilfoto angezeigt. Das Englisch hatte holprig geklungen, die Stimme war eindeutig verstellt mit spanischem Akzent. Ralf hatte sich drei Stunden zuvor zum Golfplatz aufgemacht. Der exklusive Club war nur Mitgliedern zugänglich. Aber ihr Ehemann hatte am Abend zuvor die Bekanntschaft eines einheimischen Chirurgen gemacht. Roberto hatte dem Kollegen nach einigen Runden Havana Mojito angeboten, ihn am nächsten Tag als Caddie einzuschleusen.

Wo zum Teufel waren hier die Ärzte, Pfleger, Angestellten? Die Rezeption des St.Vincent war unbesetzt. Irgendetwas stimmte hier nicht. Schon der Taxifahrer hatte sie so merkwürdig angesehen, als sie ihr Fahrtziel genannt.
„St. Vincent Hospital? You’re sure, Lady?“
Ja, sie war sich sicher gewesen. Dass der Bau von außen so marode aussah, war auf Kuba nicht ungewöhnlich. Jetzt wurde ihr schlagartig klar, dass dieses Krankenhaus völlig verlassen war. Sabrina ließ sich auf einen der alten Stühle fallen, die entlang der Wände standen, von denen die grüne Farbe abblätterte. Ihr brach der Schweiß aus. Sabrina holte ihr Handy aus der Umhängetasche. Vielleicht war das alles nur ein saudummer Scherz! Ja, ganz sicher hatten sich Ralf und Roberto nur einen Scherz auf ihre Kosten geleistet. Sie wurde wütend und tippte Ralfs Kurzwahlnummer ins Handy. Sie hörte das Klingel aus einem Raum schräg gegenüber. Sabrina sprang auf und prallte gegen die geschlossene Tür. Das leicht verrostete Schild war auch für sie verständlich: Stop! Quarantänestation – kein Zutritt. Das Handy klingelte nicht mehr. Dafür öffnete sich plötzlich die Tür. Sabrina sah in einen OP-Saal. Ralf im grünen OP-Kittel beugte sich gerade über … sie?

„He, Schatz, was ist los, Liebling?“ Jemand rüttelte an ihrer Schulter. „Hast du schlecht geträumt?“
„Oh Gott, Ralf.“ Sabrina war schweißgebadet. Unwillkürlich tastete sie nach den neuen Brustimplantaten. Alles gut. Nur ein Albtraum. Endlich hatte sie die perfekte Bikinifigur und sich den Urlaub redlich verdient.

Danke an Jon Butterworth bzw. Unsplash für das Foto: https://unsplash.com/@jonjons

Kein Winter, wenig Inspiration (Kleine DWG)

Kein Winter, wenig Inspiration (Kleine DWG)

Komisch ist das schon: Es gibt sicher reichlich Autoren, die um diese Jahreszeit schreiben können, was das Zeug hält. An sich logisch, denn man hat ja kaum mal eine Ablenkung durch schönes Wetter. Bei mir ist das anders. Mir schlägt das Dauergrau, das uns jetzt schon seit Dezember verfolgt, aufs Gemüt. Sobald sich mal die Sonne ansatzweise blicken lässt, bin ich draußen. Und am Schreibtisch mag ich einfach nicht sitzen. Dafür lese ich im Moment wieder sehr viel. Da kommen mir dann zwar Ideen, aber die Muse küsst mich dennoch nicht. Also habe ich der Webseite mal wieder ein neues Erscheinungsbild verpasst, ein winterliches, das im Grunde so gar nicht dem Blick aus dem Fenster entspricht. Im Garten blüht es bereits wie wild: Schneeglöckchen, Lenzrosen, die Zaubernuss, ein Schneeballstrauch … geradezu unglaublich. Und natürlich lasse ich mich auch gerne von den kleinen Geflügelten vor dem Fenster ablenken. An den Futterstellen ist immer was los. Ich schätze, ich weiß momentan auch nicht, ob ich weiter Krimis schreiben oder mit der Dystopie weitermachen soll … oder etwas ganz anderes. Ich werde mich heute mal wenigstens an die nächste kleine Drei-Wort-Geschichte machen. Die letzte fand ich selbst nicht so gelungen. Einigen Leuten hat sie aber doch gefallen, deshalb – bitteschön – stelle ich sie hier mal rein.

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Eingeölt und angeschmiert (Werkstatt, Praktikantin, Zeitung)

In der Autowerkstatt sah es aus, als müsse jeden Moment einer der Monteure unter einem Wagen hervorrollen. Werkzeuge lagen auf dem Boden, ein SUV stand aufgebockt über einer Grube. Im angrenzenden Büro klingelte das Telefon.
„Entschuldigung“, Frau Bernau sah Kommissarin Rimbach nervös an. „Ich …“
„Lassen Sie es klingeln. Sie sollten mir einige Fragen beantworten. Können wir uns irgendwo setzen?“

Auto-Bernau befand sich am Ortsrand von Maibach. Im angrenzenden Wäldchen hatte am frühen Morgen ein Spaziergänger die Leiche der siebzehnjährigen Praktikantin Isabel Reichert entdeckt.
Frau Bernau deutet auf eine kleine Sitzgruppe außerhalb der Werkstatt. „Hier bitte.“ Hektisch räumte sie einige herumliegende Zeitungen zur Seite.

„Wo könnte sich Ihr Mann aufhalten, Frau Bernau? Ist es normal, dass er verschwindet, ohne Ihnen eine Nachricht zu hinterlassen?“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Wir führen eine gute Ehe, müssen sie wissen. Peter – es muss ihm etwas passiert sein.“
Kommissarin Rimbach verzog kurz das Gesicht. Wie oft hatte sie diesen Satz schon gehört.
„Wäre das nicht ein Zufall zu viel? Ihre Praktikantin wird ermordet und dann soll auch Ihrem Mann etwas passiert sein? Wie stand denn ihr Mann zu Isabel Reichert?“
Für einen Moment blitzte ein zorniges Funkeln in Frau Bernaus Augen auf, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. „Was heißt, wie stand er zu Isabel? Sie war Praktikantin, sonst nichts.”
„Und Sie selbst? Einer Ihrer Monteure hat erzählt, Sie hätten sich gestern Abend mit Frau Reichert gestritten.“
„Blödsinn! Das heißt, ja, wir hatten eine kleine Auseinandersetzung , weil das Flittchen immer wieder zu spät kam.“ Die Frau knetete nervös ihre Finger. Kein Ehering, stellte Rimbach fest. Aber schwarze Ränder unter einigen Fingernägeln.
„Das Flittchen?“
Frau Bernau lief rot an. „Na, war doch so. Sie machte allen Männern schöne Augen.“
„Frau Rimbach!“ Aus der Halle kam ein Polizeibeamter auf die beiden Frauen zugelaufen. „Kommen Sie mal. Das müssen Sie sich ansehen.“

Unter dem SUV zwängten sich zwei Männer der Spusi aus der Grube, die weißen Anzüge voller Motorenöl.
„Da unten liegt einer“, bemerkte der Ältere der beiden. „Sieht ganz nach Bernau aus. Und schaun Sie mal.“ Er reichte der Kommissarin einen ölverschmierten Ehering.
Rimbach hörte einen halbunterdrückten Aufschrei und sah Frau Bernau davonlaufen.
„Dachte ich es mir doch. Los, hinterher, festnehmen!“

DWG – Der Blumenfreund

DWG – Der Blumenfreund

Vor Weihnachten noch eine letzte Drei-Wort-Geschichte mit den Vorgaben: Wohnzimmer, Moderatorin und Gummistiefel. – Nebenbei bin ich mit dem Dezember-Newsletter beschäftigt – jawohl! , der kommt tatsächlich noch. Ich kann schon mal verraten, dass ich meinen Abschluss an der Schule des Schreibens geschafft habe. Über den Newsletter wird es einen Link zu einer Leseprobe meiner Abschlussarbeit geben. Aber nun erst einmal zu unserem Blumenfreund.

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Ein Blumenfreund (Wohnzimmer, Moderatorin, Gummistiefel)

Herbert liebte feste Regeln und Ordnung über alles. Seine Ex hatte ihn deshalb gerne mal als Pedanten beschimpft. Aber was wusste die schon! Nun ruhte sie schon seit Jahren in Frieden unter einem Bankdirektor. Jeden Sonntagnachmittag schaltete Herbert pünktlich um 15:30 Uhr in seinem Wohnzimmer das Fernsehgerät ein. Wenn ihn Frauke Hellmich in ihren Gummistiefeln und der hübschen grünen Schürze in ihren Garten einlud, vergaß Herbert alles um sich herum, einschließlich seines trögen Jobs als Friedhofsgärtner. Akribisch notierte er die Pflanzpläne, die die blonde Moderatorin am Ende der Sendung einblenden ließ. Für jede Jahreszeit, für jeden Boden die richtigen Blumen, das war ihre Botschaft.

Von montags bis freitags ging er seinem Beruf nach und unterließ es nie, die trauernden Hinterbliebenen bei der Grabgestaltung zu beraten. Die älteren Damen nahmen seine Vorschläge meist gerne an, ließ es sich mit Herbert doch wunderbar plaudern. Nur manchmal war die eine oder andere unbelehrbar. Da wollten sie Efeu pflanzen, wo Herbert Funkien und Buschwindröschen empfahl. Efeu – weil der so praktisch war! Es war nicht zu fassen. Mit Bedauern dachte Herbert an Gerda Müller. Normalerweise eine wirklich nette Frau. Warum wollte sie einfach nicht verstehen, dass die Teerosen auf dem Grab ihres Gatten nicht gedeihen würden? Richtig wütend war sie sogar geworden. Er solle sich um seine Arbeit kümmern und sie mal machen lassen, hatte sie ihm an den Kopf geworfen. Sie wisse schon, was ihrem Robert gefallen hätte. Irgendwie hatte sie ihn in diesem Moment an seine Ex erinnert.

Herbert warf Spaten und Grabegabel auf seine Schubkarre und zog die Zeitung aus dem Papierkorb, die jemand unordentlich zusammengeknüllt hineingeworfen hatte. Auch so eine Unart, die er hasste. Warum konnten die Menschen mit den Dingen nicht achtsamer umgehen? Sorgfältig strich er die Seiten glatt und las die Schlagzeile, die ihm vom Titelblatt entgegensprang: Wer hat Gerda M. gesehen? Rentnerin kam vom Friedhofsbesuch nicht in die Seniorenresidenz zurück. Die Fünfundsechzigjährige trug bei ihrem Verschwinden eine dunkelblaue Hose, dunkelblaue Schnürschuhe und eine ebenfalls dunkelblaue Jacke. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen oder Tel. 069 ………

Herbert steckte die Zeitung in den Papierkorb zurück und sah auf die Uhr. 18 Uhr – Feierabend. Nun noch einen kleinen Abstecher zum hinteren Teil des Friedhofs, wo die abgeräumten Gräber der Wildnis überlassen wurden. Hierhin verirrten sich nur selten Besucher. Und die wenigen, die hier doch hin und wieder spazieren gingen, wunderten sich manchmal, dass sie zwischen Eselsdisteln, Brennnesseln und meterhohem Unkraut auf Beete stießen, die mit den schönsten Blumen bepflanzt waren. Seit vergangenem Dienstag blühten hier gelbe Rosen.
©EHeinze