NaNoWriMo & Der Zoll

NaNoWriMo & Der Zoll

Inzwischen bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das mit mir und dem NaNoWriMo wirklich etwas wird. Ich beschäftige mich tatsächlich jetzt jeden Tag damit und merke erneut, dass mir das Plotten nicht liegt. Für alle, die mit dem Begriff nichts anfangen können, erkläre ich es mal so, wie ich es verstehe: Der Plot einer Geschichte oder eines Romans ist grob gesagt der Handlungsablauf. Man weiß also genau, worüber man schreiben will, bevor man den ersten Buchstaben anschlägt. Und das weiß man deshalb so genau, weil man die Idee bereits von Anfang bis Ende durchdacht hat. Wer anständig plottet, kennt das Ende seiner Geschichte, bevor er den Anfang geschrieben hat. Bei mir hat das bisher noch nie funktioniert. Ich bin eher der “Drauflos-Schreiber”, frei nach dem Motto “Gucken wir mal, was sich ergibt“. Das ist im Grunde mit dem NaNoWriMo nicht vereinbar. Rund 1660 Wörter am Tag zu schreiben, ist vermutlich schon für jemanden viel, der den Plot im Kopf hat. Soll ich deshalb aufgeben, bevor ich angefangen habe? Nein, auf keinen Fall. Aber ich kann mir vorstellen, dass bei mir am Ende etwas völlig anderes herauskommt, als das, was mir gerade noch vorschwebt.

Im Forum der Schule des Schreibens habe ich gerade eine neue Drei-Wort-Kurzgeschichte eingestellt, die dystopische Züge hat. Und alle waren plötzlich der Ansicht, ich solle daraus einen Roman machen. Und – ehrlich – es reizt mich wirklich. An sich wollte ich für den NaNoWriMo etwas völlig anderes schreiben: Eine spannende Rahmenhandlung für mehrere Kurzgeschichten, also sowas wie 1001 Nacht in modern. Doch wer liest heutzutage noch Kurzgeschichten? Und sage ich nicht immer, dass mir Kurzgeschichten auch gar nicht sonderlich liegen? Ich muss meine NaNoWriMo-Planung noch mal überdenken. Die neue DWG gibt es also erst einmal nicht zu lesen. Nur ein Appetithäppchen daraus:

Medita betrachtet die kleine Plastiktüte mit dem Symbol einer Apotheke der alten Zeit mit einem Ausdruck von Angst und Abscheu. Ihre Mutter Charlotte, die sich Zeit ihres Lebens geweigert hatte, den neuen, von der Regierung verordneten Namen zu tragen, hatte sich in die Wälder zurückgezogen, die als fast undurchdringliche Wildnis die Großraumstädte Lutumnas umgaben. Europa war eine längst vergessene Gemeinschaft. Medita erinnerte sich, dass sie die Gesetze der neuen Regierung zum Erhalt der Umwelt und der eigenen Rasse einst begrüßt hatte. Doch irgendwann war Lutumna zu einem großen Gefängnis geworden. Zumindest für die, die sich noch erinnerten. Medita wollte vergessen.

Manchmal fragt man sich ja, wo die Ideen eigentlich herkommen. Mein Unterbewußtsein wurde womöglich von der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood beeinflusst. Ich erinnerte mich an eine Verfilmung ihres Romans “The Handmaid’s Tale”  (deutsch: Der Report der Magd), der mich vor Jahren sehr beeindruckt hat. Es ist eine sehr düstere Dystopie. Auf der anderen Seite gibt es derzeit irgendwo eine Ausschreibung, für die positive Utopien gesucht werden. Das wäre so meine grundlegende Ausgangsidee, eine Dystopie zu schreiben, die am Ende zumindest eine positive Veränderung signalisiert. Ich werde das mal in meinem Herzen Kopf bewegen. Schaun wir mal, was dabei herauskommt.


Dann war da noch die Sache mit dem Zoll. Unglaublich aber wahr: Knapp drei Monate nachdem ich in den USA Autorenexemplare meiner Bücher bestellt hatte, wurde ich letzten Samstag vom Zoll benachrichtigt, dass ich sie dort abholen könne. Das waren die Bücher, die ich für meine Lesung am 29.September gebraucht hätte. CreateSpace hatte mir nach meiner Reklamation dann ja dankenswerterweise innerhalb von zwei Tagen per Luftfracht eine neue Sendung zukommenlassen. Aber wen hatte ich nicht alles kontaktiert, um den Verbleib der Sendung herauszufinden? Himmel und Hölle habe ich in Bewegung versetzt – aber ohne Ergebnis. Nun – am Ende gab es noch nicht einmal etwas zu verzollen *lol*. Auf meine Frage, was denn nun eigentlich passiert war, wurden  auch nur Vermutungen geäußert. Angeblich lag das Paket in der Schweiz. Klingt etwas seltsam, denn meine Adresse einschließlich GERMANY stand dick und fett auf dem Paketaufkleber. Andererseits ist die Schweiz halt nicht EU, sodass die Sache schon irgendwie stimmen könnte. Nun ja, vielleicht gibt es noch eine weitere Lesung, Bücher hätte ich jetzt genug. Ich hatte mir ja als Rückversicherung auch noch einige direkt von Amazon Deutschland kommen lassen. Jedenfalls werde ich den Weg über CreateSpace vermutlich nicht mehr nehmen. Inzwischen kann man die Taschenbücher auch über Amazon Deutschland drucken lassen. Oder ich suche mir für Lesungen und zum Verschenken eine Druckerei, die das – wenn auch ohne ISBN – auch erledigt. Vielleicht sogar besser. Mir gefällt die Qualität der amerikanischen Printausgaben sowie nicht, und dass die Bücher nicht eingeschweißt sind, finde ich auch nicht gut. Plastik ist zwar blöd, aber nützlich.

Das Herz des Löwen – DWG

Das Herz des Löwen – DWG

Und ich habe schon wieder eine neue Drei-Wort-Geschichte. Die Zeit vergeht wie im Flug. Dieses Mal habe ich mich wieder an die vorgegebenen 2400 Anschläge gehalten. Und als Wörter mussten benutzt werden: Untermieter, Gewächshaus, Hörgeräte(e). Die Geschichte kommt – was bei mir selten ist – ohne Dialoge aus, sogar fast ohne wörtliche Rede.

Das Herz des Löwen

Fast täglich verbrachte Julia die Zeit zwischen den Vorlesungen im weitläufigen Botanischen Garten. Und immer öfter stellte sie sich die Frage, ob sie mit dem Informatikstudium nicht total daneben gegriffen hatte. Dieser Wettbewerb zwischen Max und ihr war eigentlich ziemlich blödsinnig gewesen. Wer löste die Matheaufgaben schneller, wer brachte die besseren Noten nach Hause? Laut Max waren Mädchen für komplexe mathematische Lösungswege einfach unbegabt. Natürlich hatte sie immer gewusst, dass ihr Bruder sie nur aufzog. Aber seine Sticheleien hatten ihren Ehrgeiz und ihren Trotz geweckt. Nun studierte sie also Informatik, während Max sich kurzfristig für ein Sportstudium entschieden hatte. Vor einem Jahr war er zu Hause ausgezogen. Seitdem hatten sie einen Untermieter.

Firas, ein Flüchtling aus Syrien war bei ihnen eingezogen. Julias Vater hatte ihn eines Tages mitgebracht. Dr. Schauer arbeitete als HNO-Arzt an einem Tag in der Woche ehrenamtlich für die Versorgung kriegsgeschädigter Asylbewerber. Firas war fast ertaubt in Deutschland angekommen, das Innenohr durch ein massives Knalltrauma schwer beschädigt.
„Kümmere dich ein bisschen um ihn, Schatz“, hatte ihr Vater sie gebeten. „Das wird ihm helfen.“
Während Julia auf das hinterste Gewächshaus zulief, in dem sie Firas vermutete, erinnerte sie sich daran, wie schwer es anfangs gewesen war, sich mit ihm zu verständigen. Firas – son of a lion, Sohn eines Löwen, bedeute sein Name, hatte er ihr erklärt. Und wie ein Löwe kämpfte er darum, trotz Behinderung und Sprachschwierigkeiten seinen Platz in Deutschland zu finden. Firas besaß inzwischen Hörgeräte, die ihm einen Teil seiner Hörfähigkeit zurückgegeben hatten. Der junge Syrer studierte seit kurzem Biologie und Agrarökologie. Er träumte davon, eines Tages nach Syrien zurückzukehren, um beim Wiederaufbau seines Landes zu helfen.

Ein Herz wie ein Löwe. Julia war am Gewächshaus angekommen. Firas sprach mit den Pflanzen. Sie grinste. Das war so typisch für ihn. Und plötzlich wusste sie, dass Informatik auf keinen Fall ihre Zukunft war. Julia klopfte an die Glasscheibe, doch Firas hörte sie nicht. Wenn er mit seinen Pflanzen allein war, entfernte er die ungeliebten Hörgeräte. Vorsichtig trat Julia ein. Firas bemerkte sie erst, als ihn Julia umarmte. FIRAS, formten ihre Lippen seinen Namen, bevor sie ihn zum ersten Mal küsste.
©EHeinze – 2017


Schade, dass ich Kumar, den neuen Löwen aus dem Frankfurter Zoo, noch nicht fotografieren konnte. Das Löwenpärchen habe ich 2014 im Berliner Tiergarten fotografiert. Und ich mag das friedliche Bild.

 

Neue Kurzgeschichte: Sonntagmorgen mit Hindernissen

Neue Kurzgeschichte: Sonntagmorgen mit Hindernissen

Mal wieder eine neue Drei-Wort-Geschichte aus der Schule-des-Schreibens, die allerdings einen großen Fehler hat. Wer hier aufgepasst hat, weiß, dass unsere Drei-Wort-Geschichten eine Länge von ca. 2400 Zeichen haben sollen. Als ich “Sonntagmorgen mit Hindernissen” geschrieben habe, hatte ich wohl einen Zahlendreher im Kopf. Und so hat diese Geschichte nun die fast die doppelte Länge, fast 4200 Zeichen.  Ich wünsche trotzdem viel Spaß beim Lesen. Vorgabe: Künstler, Eierbecher, Kofferraum

Sonntagmorgen mit Hindernissen

Peter schloss die Tür zur Terrasse, die er wie immer sofort nach dem Aufstehen zum Lüften geöffnet hatte.
„Uuute“, rief er in Richtung Badezimmer, „sag mal, wo sind denn unsere Eierbecher hingekommen?“ Er hatte den sonntäglichen Frühstückstisch gedeckt und stand nun stirnrunzelnd vor den Küchenschränken.
Ute, ein Handtuch ums nasse Haar und eins notdürftig um ihren Körper geschlungen, kam kopfschüttelnd in die Küche.
„Wo sollen die schon sein, Schatz? Da wo sie immer sind.“ Sie reckte sich, um den Oberschrank zu öffnen. Abgelenkt vom rutschenden Badetuch sah Peter glücklicherweise nicht den leicht genervten Gesichtsausdruck seiner Gattin. Ute war nämlich grundsätzlich der Meinung, Peter habe Tomaten auf den Augen.
„Wo zum Teufel …“ Ute stellte sich auf die Zehenspitzen und griff mit beiden Armen nach oben, um einige Teller zur Seite zu schieben. Das Badetuch machte sich endgültig selbstständig.
„Sie sind wirklich nicht da“, bemerkte sie ungläubig, während sich Peters Blick begehrlich auf ihrem rosigen, vom Duschöl glänzenden Körper festsaugte.
„Vielleicht“, murmelte er, „könnten wir das mit dem Frühstück auch verschieben.“ Besitzergreifend legten sich seine Hände um Utes Taille. Er zog sie an sich.
„Bist du verrückt? Stell dir vor, die Kinder kommen runter.“
„Aber die sind doch …“ Es klingelte.

Ute schnappte sich das Handtuch und verschwand wieder ins Badezimmer, während Peter leicht frustriert die Haustür öffnete.
„Guten Morgen, Peter“. Perfekt frisiert und wie aus dem sprichwörtlichen Ei gepellt stand Ellen Windhorst vor ihm.
„Sag mal, könntet ihr uns mal eben zwei Eierbecher leihen?“
Peter starrte sie entgeistert an.
„Nun guck nicht so. Unsere sind irgendwie verschwunden. Seltsame Sache. Also kannst du mir welche leihen?“
„Ellen, es tut mir leid. Ich – also die Sache ist die – unsere Eierbecher sind ebenfalls weg.“
„Wie, weg?“
„Na verschwunden.“
„Verarschen kann ich mich selber.“ Ellen war beleidigt. „Ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass du dich wegen zwei Eierbechern so anstellst. Ich hätte sie auch nach dem Frühstück gleich zurückgebracht. Gespült!“
„Ellen, nein. Sie sind wirklich verschwunden.“
Die Nachbarin tippte sich verachtungsvoll mit dem Finger an die Stirn, dreht sich um und stöckelte davon.

Peter seufzte. Er zog die Sonntagszeitung aus dem Briefkasten und holte schließlich zwei Espressotassen aus dem Schrank. Die waren fast so gut wie Eierbecher und würden es erst mal tun müssen.
Während die Kaffeemaschine zischend seine Tasse füllte, schlug Peter die Zeitung auf. Im Lokalteil sprang ihn eine fett gedruckte Schlagzeile an: Kaufhäuser im Moosbach Zentrum beklagen Eierbecherklau. Er wollte sich gerade in den Text vertiefen, als draußen ein Martinshorn ertönte. Gleich darauf hörte er Bremsen quietschen und dann einen lauten Schrei. Peter ließ die Zeitung sinken und lief zum Fenster.

Joey Meyrs, eigentlich Johann Meier, Alt-Hippie und selbst ernannter Performancekünstler, war mit seinem uralten Opel auf der gegenüberliegenden Straßenseite gegen eine der Linden gekracht. Hinter ihm hielt ein Streifenwagen. Während sich eine junge Polizistin um Joey kümmerte, der sich gerade wieder aufrappelte, öffnete ihr Kollege den Kofferraum und hielt triumphierend drei Eierbecher in die Luft.
„Finger weg!“, brüllte Joey wütend. Viel war ihm anscheinend nicht passiert.
Der Polizist entrollte inzwischen ein offenbar selbstgemaltes Plakat. Verblüfft las Peter die Ankündigung: Eierbecher für Alle. Kommt zum neuen, genialen Happening von Joey Meyrs am 9. September um 16 Uhr – Sportplatz Kuhaue, Moosbach. Eintritt frei!

Ute stand plötzlich hinter ihrem Mann. Sie duftet nach Parfüm und schmiegte sich an ihn.
„Hör mal Schatz, mir ist gerade eingefallen, dass Claudi und Sascha gar nicht zu Hause sind. Die sind doch gestern Abend mit ihrer Clique … He, was ist los?“
Peter starrte weiter aus dem Fenster. „Jetzt guck dir das an“, meinte er ohne sich umzudrehen. „Es war Joey. Der Kerl hat offenbar überall Eierbecher zusammengeklaut. Komm, lass uns endlich frühstücken. Ich habe Hunger.“

Copyright: Dr.Elke Heinze – 09-2017

Nachtrag: Mehrfach wurde ich inzwischen gefragt, wie denn der Eierbecherdieb an die Becher aus Küchenschränken gelangen konnte. Machen wir uns nichts vor: Viele Häuslebesitzer lassen frühmorgens zum Lüften die Terrassentüren offenstehen. Man ist ja im Haus, wohnt in einer “guten” Gegend,  was soll schon passieren? Aber es passiert. In der Geschichte ist der Dieb zudem ein Bekannter, einer dem man sicher auch eine schräge Ausrede abnehmen würde, wenn er plötzlich im Garten stünde. Also: Uffbasse! – wie der Frankfurter sagen würde. Aufpassen! für nicht Frankfurter 😉

Ein kleiner Italiener

Ein kleiner Italiener

. . . oder: Souvenir vor der Tür.

Aus dem früheren Blog kennen Sie / kennt ihr sicher noch die sehr kurzen Drei-Wort-Geschichten (2.400 Anschläge maximal). Nachdem ich nun mit dem neuen Roman fertig bin, mische ich wieder fleißig in der Schule des Schreibens mit. Die letzte DWG – Aufgabe bestand aus den Wortvorgaben: Casino, Bruder und Ampel. Und das ist bei mir daraus geworden.

Souvenir vor der Tür

Paolo! Ich glaub’ es nicht. Er steht einfach vor meiner Tür. Mich trifft fast der Schlag. In Erwartung des DHL-Menschen habe ich ihm geöffnet – ungekämmt und in meinen ältesten Schlabberhosen. Oh shit! Am liebsten würde ich ihm die Tür wieder vor der Nase zuknallen. Drei Wochen Urlaub in Limone und abends habe ich mich für ihn aufgebrezelt ohne Ende. Er war aber auch eine Sahneschnitte unter den Animateuren! Vor meinem inneren Auge erscheinen der Gardasee, Paolos braungebrannter Body, Sixpack inbegriffen und … Halt, stopp!
Hier in Frankfurt sieht die Sache etwas anders aus. Er hat sich zweifellos fein gemacht, was mein eigenes Outfit noch unmöglicher erscheinen lässt. Aber irgendwie wirkt er kleiner als noch vor ein paar Wochen. Und was zum Teufel will er hier?

„Paolo?“
„Hi Sophia. Darf ich reinkommen?“

Der Knabe überreicht mir doch tatsächlich eine langstielige rote Rose. Ein ungläubiger Blick wandert allerdings von meinem Gesicht über das nicht mehr ganz saubere T-Shirt zu den besockten Füßen und wieder zurück.

„Äh – ja, natürlich. Ich bin bloß nicht, also …“ Ich schaue etwas betreten an mir herunter.

Aber mein italienischer Urlaubsflirt steht schon im Flur. Und er hat einen Koffer dabei. Ich denke an unseren letzten Abend. Ich habe ihn regelrecht abgeschleppt. Und – jetzt fällt es mir wieder siedendheiß ein -, dass ich ihn nach dieser unvergesslichen Nacht quasi eingeladen habe. Also sollte es dich mal nach Frankfurt verschlagen …

„Ja dann komm mal rein. Magst du was trinken? Setz dich doch erst mal.“
Ich nehme ihm Rose und Koffer ab und zerre ihn in Richtung Wohnzimmer, bevor ich mich in die Küche rette.

„ … und mein Bruder hat mir seinen Job im Casino vermacht. Giulia ist nämlich schwanger, weißt du? Und ich dachte, ich kann bestimmt erst mal bei dir wohnen, bis ich in Bad Homburg ein Zimmer gefunden habe. Was meinst du, cara mia?“

Ich schaue aus dem Fenster auf die Straße. Da unten stauen sich die Autoschlangen vor der Ampel. Ich muss nachher noch den Aushilfsjob klarmachen. Das ist die Frankfurter Realität. Der Gardasee ist weit. Wie komme ich da bloß wieder raus?

„Ähm – Paolo?“ Wo zum Teufel ist er hinverschwunden?“
Im Bad rauscht das Wasser. Paolo hat die Tür nicht abgeschlossen. Wie er da unter der Dusche steht … Mir wird auf einmal heiß. Ich glaube, ich könnte auch eine Dusche vertragen. Und dann sehen wir weiter.

_______________________________________

Wenn ich da jetzt ein Cover für bräuchte … *lol* – Amazon ist voll von sogenannten “Romance”-Stories, deren Cover mit braungebrannten Sixpackbodies verziert sind. Ist nicht mein Stil. Aber irgendwie könnte ich mir schon vorstellen, aus dieser Ausgangslage irgendwas Größeres zu machen. Könnte ja durchaus etwas anspruchsvoller ausfallen.

 

Der Schlüssel

Der Schlüssel

Mal wieder etwas Literarisches 😉
Meine neueste Kurzgeschichte aus der Schule des Schreibens (Aufgabe BB10). Viel Spaß!

Der Schlüssel

Tastend bewegten sich Carlas Finger über den alten Bartschlüssel. Groß und schwer wie ein Relikt aus alten Zeiten fühlte er sich an. Und nichts anderes war er im Grunde auch. Wie zierlich erschienen ihr daneben der Schüssel für das moderne Sicherheitsschloss und der Briefkastenschlüssel. Dann gab es noch einen vierten, sehr kleinen Schlüssel, für den Frau Köhler keine Erklärung hatte.
Die Frau stand noch hinter ihr, als Carla den Schlüssel zögernd in das Türschloss schob. Das Sicherheitsschloss darüber hatte sie bereits geöffnet. Der Schlüssel hakte. Carla erinnerte sich. Man musste ihn ein klein wenig hin und her schieben, bis er genau dort einrastete, wo man ihn schließlich drehen konnte.
„Das ist wirklich eine Zumutung mit den alten Dingern“, lamentierte Frau Köhler lautstark. „Aber die Hausverwaltung schert sich ja einen Dreck darum, ob unsere Wohnungen sicher sind oder nicht. Und wem das Haus überhaupt gehört, weiß hier niemand.“
Carla hätte es ihr sagen können.
„Die Sicherheitsschlösser haben wir uns nämlich alle auf eigene Kosten einbauen lassen, müssen Sie wissen. Und die Wohnung hier steht auch schon ewig leer.“
Carla gab der Tür einen kleinen Schubs, dann drehte sie sich um.
„Danke Frau Köhler. Ich komme jetzt gut alleine klar.“ Es war gar nicht so einfach für sie, die richtigen deutschen Begriffe zu finden. Zu lange hatte sie diese Sprache nicht mehr benutzt.
Die Frau sah sie mit verkniffenem Mund an. Sie wirkte beleidigt.
„Na, wenn Sie meinen. Sie wissen ja, wo Sie mich finden.“ Sie drehte sich um und ging betont langsam die Treppe hinunter.

Carla betrat den langen, schmalen Flur und ließ die Tür hinter sich zufallen. Muffig roch es hier und es war dunkel. Die Türen, die vom Flur zu den anderen Räumen abgingen, waren alle geschlossen. Ohne große Hoffnung, dass er funktionieren würde, betätigte Carla den Lichtschalter. Sicher war der Strom längst abgestellt worden. Aber, o Wunder, an der Decke ging eine Lampe an. Carla blickte direkt in den kleinen Spiegel mit den blinden Flecken. Wie eh und je wurde er rechts und links von tütenförmigen Lämpchen flankiert. Für einen Moment schien ihr Spiegelbild mit einem anderen Bild zu verschmelzen. Anstelle der immer noch attraktiven älteren Frau mit dunklem Teint und einer modernen Kurzhaarfrisur, blickte sie in das schmale Gesicht eines Kindes. Das Mädchen schaute sie aus großen Augen an. Krause, schwarze Haare waren auch durch die fest geflochtenen Zöpfe nur schlecht zu bändigen. Dann war der Moment vorbei. Carla zog ihren eleganten Mantel aus und sah sich nach der Garderobe um. Sie stand dort, wo sie schon immer gestanden hatte. Die Holzbügel, die Carla unter Anleitung der Großmutter mit buntem Garn umhäkelt hatte, waren leer. Sie hängte den Mantel auf und seufzte.

Nacheinander betrat sie jeden Raum. Nichts hatte sich verändert. In der Mitte der Küche stand noch immer der Holztisch mit den vielen Flecken und Schrammen, an dem sie nicht nur zum Essen gesessen hatten. An ihm hatte Carla ihre Hausaufgaben erledigt und die Großmutter hatte dort gebügelt. Und sie erinnerte sich an alte Fotos, auf denen man sehen konnte, dass er auch schon als Wickeltisch gedient hatte. Carla zog die Rollläden hoch und öffnete das Küchenfenster. Sie blickte in den Hinterhof. Viele Mülltonnen standen dort, wo sie als Kinder „Himmel und Hölle“ und Gummitwist gespielt hatten. Sie erinnerte sich an das Getuschel der Mütter, die oft ungeniert mit dem Finger auf sie gedeutet hatten. Negerkind. Die Mutter war eine Schlampe. Die Großmutter kann einem leidtun.

Carla lief weiter in das Wohnzimmer mit den alten abgetretenen Teppichen und den schweren Möbeln. Im Bücherregal standen die alten Hanni und Nanni Bände einträchtig neben Readers Digest und einem zwölfbändigen Meyers Konversationslexikon von 1930. Und hier stand auch Carlas altes Bett. Ein eigenes Zimmer hatte sie nie gehabt. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Das war alles, was sich die Großmutter gegönnt hatte, nachdem sie verstanden hatte, dass Opa Karl nicht mehr aus dem Krieg zurückkehren würde. Und dann war ihre einzige Tochter verschwunden und hatte ihr die kleine Charlotte dagelassen.
Carla ging weiter und öffnete die Schlafzimmertür. Auch hier roch es muffig. Ein wandhoher Spiegel, vor dem sie sich als Kind oft hin und her gedreht hatte, um zu verstehen, warum sie so anders sein sollte, war mit einem Laken verhängt. Sie öffnete schnell das Fenster. Das Schlafzimmer war das Allerheiligste ihrer Großmutter gewesen. Zwei wuchtige Ehebetten aus einem rötlich schimmernden, hochglanzpolierten Holz nahmen zwei Drittel des Raumes ein. An der Wand stand ein nicht minder beeindruckender Kleiderschrank. Als Carla etwa vierzehn Jahre alt gewesen war, hatten ihre endlosen Diskussionen begonnen.

„Oma, bitte, ich brauche ein eigenes Zimmer. Ein richtiges Zimmer. Wozu brauchst du dieses Doppelbett? Kannst nicht du ins Wohnzimmer ziehen? Bitte.“
Aber auf diesem Ohr war die Großmutter taub gewesen.
„Wozu brauchst du denn ein eigenes Zimmer, Charlotte? Hast du etwa Heimlichkeiten vor mir? Nimm dich in Acht. Es reicht, dass deine Mutter uns in Unglück gestürzt hat.“
„Ich bin nicht meine Mutter, Oma! Vertrau mir doch.“

Carla wusste inzwischen längst, was sie und ihre geliebte Großmutter zu Außenseitern machte. Eine Nachbarin hatte ihr irgendwann mit abfälligen Worten klargemacht, dass ihre Mutter eine Amihure gewesen sei.
„Und dann auch noch mit einem Neger. Du kannst einem leid tun, Kind. Kein anständiger deutscher Mann wird irgendwann etwas mit dir zu tun haben wollen. Deine Großmutter hätte mal besser auf ihre Tochter aufpassen sollen.“
Sie hatte Carla abschätzig von oben bis unten taxiert. „Hübsch bist du ja. Aber lass bloß die Finger von meinem Jungen.“
Carla hatte ihr nicht erzählt, dass Martin sie neulich im Keller begrapscht hatte, als die Großmutter sie zum Kartoffel holen hinuntergeschickt hatte.

Wie lange war das alles her! Vor vier Wochen hatte sie ihren zweiundsechzigsten Geburtstag gefeiert. Carla hatte ihr Glück auf Umwegen gefunden. Als sie achtzehn geworden war, fiel einem Fotografen ihr exotisches Äußeres auf. Gertenschlanke Models lösten in den Siebzigern allmählich die etwas hausbackenen Mannequins auf den Laufstegen der Welt ab und Charlotte passte genau ins Schema. Als Carla Ward posierte sie neben Supermodels wie Jerry Hall und Iman und sie schlief mit den richtigen Männern, sofern sie ihr nützlich waren. Martin war längst Geschichte. Als sie in New York ankam, wusste sie, wo sie hingehörte. Niemand informierte sie, als ihre Großmutter 1996 starb.
Hatte die Wohnung tatsächlich über zwanzig Jahre lang leergestanden? Es musste so sein, obwohl Carla es kaum glauben konnte. Aber der Notar, der sie schließlich als Erbin des alten Mietshauses ausfindig gemacht hatte, hatte ihr genau das bestätigt. Die Kanzlei war schon vor Jahren mit der Verwaltung beauftragt worden. Einzige Bedingung im Testament der Großmutter war gewesen, dass ihre Wohnung nie vermietet werden, sondern immer ihrer Enkelin zur Verfügung stehen sollte.

Carla hatte plötzlich Tränen in den Augen. Sie öffnete die Türen des Kleiderschrankes und schob ziellos die alten Kleidungsstücke hin und her. Sie würde eine Firma beauftragen, die all das hier entsorgen musste. Ihr Blick blieb plötzlich an einem Kleid ganz hinten im Schrank hängen. Sie nahm es vom Bügel. Es war aus blassblauem Leinen, im typischen Schnitt der frühen fünfziger Jahre. Sie erinnerte sich, dass sie das Kleid anprobiert hatte, als alle ihre Klassenkameradinnen zur Tanzstunde gingen. Ihre Großmutter hatte es ihr verboten.
„Das ist nichts für dich, Charlotte. Keiner der jungen Männer würde dich auffordern, glaub mir.“
Sie hatte gewusst, dass das Kleid ihrer Mutter gehört hatte. Es war ihr zu kurz aber dafür ein wenig zu weit gewesen. Als sie nach dem dazu passenden Petticoat suchte, war die Großmutter plötzlich ins Zimmer gekommen. Nie zuvor und niemals später hatte Carla sie so wütend erlebt. Sie hatte die Enkelin geohrfeigt und sie angeschrien, das Unglückskleid auszuziehen. Und gleichzeitig waren ihr Tränen über das Gesicht gelaufen.

Plötzlich wusste Carla wieder, wofür der winzige Schlüssel am Schlüsselbund war. Schnell lief sie in den Flur, wo sie ihn abgelegt hatte. Sie zog die Nachttischschublade des rechten Bettes auf und da lag das Kästchen aus bunt bemaltem Rosenholz noch immer. Als sie es öffnete, fand sie, was sie suchte. Auf einem colorierten Schwarz-Weiß-Foto strahlte ihr ein Paar entgegen. Ein gutaussehender Farbiger in der Uniform der US-Army hatte seinen Arm um eine bezaubernde junge Frau in einem blassblauen Leinenkleid gelegt. Carla drehte das Bild um. Mit Bleistift stand dort: Jim und ich, Juni 1953.
Das Kästchen enthielt nur wenige Fotos. Es waren Kinderbilder von ihr selbst. Es gab kein einziges weiteres Foto ihrer Mutter. Nur das verblasste Bild eines einfachen Holzkreuzes über einem frisch aufgeschütteten Grab. Auf der Rückseite stand der Vermerk: Gerda, Oktober 1956.
©Elke Heinze / 2017

_________________________________________

Für das Beitragsbild habe ich ein Motiv von Jerry Kiesewetter benutzt. Habe es aber ziemlich verändert. Danke an Jerry und Unsplash.com