Erinnert ihr euch an meine erste Drei-Wort-Geschichte zum Thema Rungholt? In dieser Woche sind die Stichwörter Hund (Protagonist), Echolot (Gegenstand) und Forum (Ort) vorgegeben. Und ein bisschen surreal sollte es diesmal auch werden. Na denn … warum nicht Rungholt weiterschreiben? Ich füge die erste Geschichte mal vorab zu Erinnerung ein. Viel Spaß beim Lesen.

Rungholts Fluch (1)

Lea strich mit dem Finger sacht über das Lesezeichen, bevor sie das Buch zusammenklappte. Ben hatte es ihr im letzten Jahr zum Valentinstag geschenkt. Es hatte die Form eines Fischs, die Schuppen plastisch in Form kleiner blau-goldener Herzen herausgearbeitet. Ob er geahnt hatte, dass es sie irgendwann weg von München und in den Norden ziehen würde? Björn, der Studienkollege aus Flensburg, hatte mit seinen nordischen Sagen eine Saite bei ihr zum Klingen gebracht, eine Sehnsucht, die gestillt werden wollte. Ben hatte dem Rivalen wenig entgegenzusetzen, als Björn vorschlug, Lea auf eine Forschungsreise zu den nordfriesischen Inseln mitzunehmen.
Rungholt war das Ziel der Unternehmung. Ben hatte nur die Augen verdreht. Rungholt – für ihn war das so unsinnig wie die Suche nach Atlantis. Als sich herausstellte, dass die Exkursion mangels öffentlicher Gelder nicht stattfinden würde, hatte Lea sich längst in Björn verliebt.

Ruhig glitt die gecharterte Jacht über die Wellen der Nordsee. Lea hatte es sich auf dem Sonnendeck bequem gemacht. Vom Segeln verstand sie nichts.
„Musst du nicht“, hatte Björn ihr versichert. „Ich mach das schon. Glaub mir, ich weiß inzwischen genau, wo wir suchen müssen. Stell dir mal vor, wie es sein wird, wenn ich endlich beweisen werde, wo Rungholt exakt lag. Ich werde es finden.“ In seinen Augen erschien dieses Glitzern, das ihn so anziehend machte.
„Ein Blender“, war Bens bitterer Kommentar, bevor er den Rückzug angetreten hatte. „Pass auf dich auf.“

Wind kam auf, stärker als sie es in den letzten Stunden erlebt hatte. Lea sah zum Horizont. Er erschien ihr dunkel, furchteinflößend. Wo waren sie eigentlich genau? Musste nicht Pellworm längst in Sichtweite sein? Die Zeilen aus Liliencrons Gedicht kamen ihr unwillkürlich in den Sinn:
„Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
liegen die friesischen Inseln im Frieden.
Und Zeugen weltenvernichtender Wut,
taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.“

Lea biss sich auf die Lippen. Björn war unter Deck. Sah er nicht, dass das Wetter sich änderte? Verdammt, wo steckte er denn? Als sie aufstehen wollte, rollte eine gewaltige Woge auf sie zu.
Lea schrie auf. Björn streckte den Kopf durch die Luke. Er war kreidebleich.
„Das Segel, wir müssen das Segel …“ Eine Böe erfasste das Tuch, der Baum schlug um.

Als Lea unter Wasser ein letztes Mal die Augen öffnete, sah sie die goldene Kirchturmspitze.

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Der Legende auf der Spur (2)

„Bist du bereit, Flint?“
Ben fuhr dem Labrador über das glänzende Fell. Mit der Nase hing sein treuer Begleiter weit über dem Rand der Motorjacht, wo das Echolot seit Stunden widersprüchliche Reaktionen zeigte. Mal schien der Meeresboden nah zu sein, dann wieder signalisierte es unendliche Tiefe.
Viele Jahre hatte es gedauert, bis die immer häufiger auftretenden Sturmfluten im Norden zurückgegangen waren. Ganze Landstriche waren an den Küsten von Nord- und Ostsee im Wasser verschwunden. Klimawandel, war die lapidare Erklärung der Experten. Rungholts Fluch, munkelte man unter den Einheimischen, die ihr Hab und Gut verloren hatten. Und plötzlich stand Björn vor Bens Tür, weißhaarig und um Jahrzehnte gealtert. Und erneut faselte er von Rungholt, vom Glockengeläut unter Wasser, von Leas Rufen, die noch in seinen Ohren gelten, als man ihn halbtot aus den Wellen geborgen hatte. Ben wies ihm die Tür. Wenige Tage später fand man den Alten tot auf einem Dachboden, erhängt. Neben ihm lag Flint, der junge Labrador, den Björn mitgebracht hatte.

Sie waren soweit. Ben hatte das Schwimmen und Tauchen zusammen mit Flint zur Perfektion gebracht. Er überprüfte den Sitz des wasserdichten Backpacks. Wenn auch nur ein einziges Wort mehr als Sage war, konnte er schlecht im Neopren durch die mittelalterliche Stadt laufen. Du musst doch völlig verrückt sein!
Sie sprangen.

„Mama!“ Das Mädchen mit den goldblonden Locken zerrte an der Hand seiner Mutter, die auf dem großen Marktplatz an einem Stand Halt gemacht hatte. Mit seinen Säulen und Arkaden, dem Lärm und dem Gewirr unterschiedlicher Sprachen und dem überbordenden Warenangebot war der Platz einem römischen Forum nachempfunden. Die Rungholter zeigten der Welt ihren Reichtum gern.
„Schaut euch den Wolfsbarsch nur an, Herrin. Ganz frisch.“ Der Händler nahm den Fisch auf und reichte ihn der Frau in den kostbaren Gewändern einer Ratsherrin.
„Wie kann frisch sein, was nicht aus unseren Gewässern stammt?“ Lea rümpfte die Nase. „Zeig mir den Steinbutt.“
„Mama!“ Endlich schaffte es Eevke, die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf sich zu lenken. „Schau doch mal da drüben. Der Mann mit dem Hund. Er starrt uns schon die ganze Zeit an.“
Leas Blick folgte dem ausgestreckten Arm ihrer Tochter. Ihr wurde schwindlig. Bilder, Namen, Erinnerungen wirbelten ihr durch den Kopf. Was war das? Wer war das? Ben. Ben? Sie verlor das Bewusstsein und schlug hart auf dem Boden auf.