Das Tor zum Himmel

Das Tor zum Himmel

Meinen Beitrag zu Novas “T in die neue Woche” findet ihr ausnahmsweise mal an ungewohnter Stelle. Das Foto stammt von Samstagabend und inspirierte mich zu einer kleinen, nicht abgeschlossenen Geschichte. Der Grund dafür liegt in meinem Unbehagen, für meinen Ergänzungskurs Frauen- und Liebesromane eine (längere) Geschichte schreiben zu müssen, die zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges spielt und ähnliche Vorgaben hat, wie das, was ihr hier als Miniausgabe davon lesen könnt. Eigentlich war ich schon entschlossen, diese Einsendeaufgabe komplett zu verweigern, aber wer weiß … Und fragt mich bitte nicht, was mich überhaupt dazu getrieben hat, diesen Ergänzungskurs zu belegen. Es ist schon ein halbes Jahr her, dass ich mich dafür entschieden habe. Seitdem liegen die Studienhefte herum und drohen zu verschimmeln.


 

Das Tor zum Himmel

Zögernd betrat Dorothea die Gasse, an deren Ende sich bereits eine johlende Menschenmenge versammelt hatte. Schneematsch und Unrat türmten sich. Mit einer Hand versuchte das Mädchen, die Röcke so weit anzuheben, dass sie nicht verschmutzt wurden. Die andere Hand raffte das dicke Wolltuch vor der Brust zusammen. Sie fürchtete sich ebenso sehr davor, auszurutschen, wie davor, das Spektakel zu versäumen.

Nein, dachte Dorothea. Das ist nicht richtig. Es sind ja gar nicht die armen Kreaturen auf dem Scheiterhaufen, die ich sehen will. Er ist es, Valentin. Der junge Priester würde den beiden Ketzern die letzte Beichte abnehmen. Dorothea wusste, wie schwer ihn belastete, was er offiziell gutheißen musste. Wohl war er ein glühender Verfechter seines Glaubens, aber er verurteilte die hinterlistigen Machenschaften der Inquisition. Dorothea liebte den jungen Mann, obwohl sie wusste, dass sie nicht auf die Erfüllung ihrer Wünsche hoffen durfte. Je stärker sie Valentin begehrte, umso mehr hasste sie die Kirche. Sie erschrak, als sie sich dabei ertappte, was sie da dachte. Sie war keinen Deut besser als die beiden Ketzer am Schandpfahl, um den Holz und Stroh aufgeschichtet worden waren. Gleich würde der Henker den Scheiterhaufen in Brand setzen. Als ob es nicht genug arme Familien im Dorf gab, die dankbar für jedes Stück Holz wären, mit dem sie ein wärmendes Feuer in ihren zugigen Hütten würden schüren können.

Dorothea blickte zum Himmel hinauf. Direkt über dem Pfahl tat sich in dem winterlichen Grau eine Lücke auf. Ein kleines bisschen Blau war hinter den dichten Wolken zu erahnen. Wie ein Tor zum Himmel. Ob es die Seelen der Verurteilten aufnehmen würde? Der junge Priester sah im gleichen Moment zum Himmel wie sie selbst. Dorotheas Herz klopfte. Zu gerne würde sie glauben, dass er ihre Gegenwart spürte, die ihm die Kraft geben sollte, die Schreie und den grauenvollen Anblick zu ertragen.


Und für alle, die lieber zuhören möchten: