Das Tor zum Himmel

Das Tor zum Himmel

Meinen Beitrag zu Novas “T in die neue Woche” findet ihr ausnahmsweise mal an ungewohnter Stelle. Das Foto stammt von Samstagabend und inspirierte mich zu einer kleinen, nicht abgeschlossenen Geschichte. Der Grund dafür liegt in meinem Unbehagen, für meinen Ergänzungskurs Frauen- und Liebesromane eine (längere) Geschichte schreiben zu müssen, die zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges spielt und ähnliche Vorgaben hat, wie das, was ihr hier als Miniausgabe davon lesen könnt. Eigentlich war ich schon entschlossen, diese Einsendeaufgabe komplett zu verweigern, aber wer weiß … Und fragt mich bitte nicht, was mich überhaupt dazu getrieben hat, diesen Ergänzungskurs zu belegen. Es ist schon ein halbes Jahr her, dass ich mich dafür entschieden habe. Seitdem liegen die Studienhefte herum und drohen zu verschimmeln.


 

Das Tor zum Himmel

Zögernd betrat Dorothea die Gasse, an deren Ende sich bereits eine johlende Menschenmenge versammelt hatte. Schneematsch und Unrat türmten sich. Mit einer Hand versuchte das Mädchen, die Röcke so weit anzuheben, dass sie nicht verschmutzt wurden. Die andere Hand raffte das dicke Wolltuch vor der Brust zusammen. Sie fürchtete sich ebenso sehr davor, auszurutschen, wie davor, das Spektakel zu versäumen.

Nein, dachte Dorothea. Das ist nicht richtig. Es sind ja gar nicht die armen Kreaturen auf dem Scheiterhaufen, die ich sehen will. Er ist es, Valentin. Der junge Priester würde den beiden Ketzern die letzte Beichte abnehmen. Dorothea wusste, wie schwer ihn belastete, was er offiziell gutheißen musste. Wohl war er ein glühender Verfechter seines Glaubens, aber er verurteilte die hinterlistigen Machenschaften der Inquisition. Dorothea liebte den jungen Mann, obwohl sie wusste, dass sie nicht auf die Erfüllung ihrer Wünsche hoffen durfte. Je stärker sie Valentin begehrte, umso mehr hasste sie die Kirche. Sie erschrak, als sie sich dabei ertappte, was sie da dachte. Sie war keinen Deut besser als die beiden Ketzer am Schandpfahl, um den Holz und Stroh aufgeschichtet worden waren. Gleich würde der Henker den Scheiterhaufen in Brand setzen. Als ob es nicht genug arme Familien im Dorf gab, die dankbar für jedes Stück Holz wären, mit dem sie ein wärmendes Feuer in ihren zugigen Hütten würden schüren können.

Dorothea blickte zum Himmel hinauf. Direkt über dem Pfahl tat sich in dem winterlichen Grau eine Lücke auf. Ein kleines bisschen Blau war hinter den dichten Wolken zu erahnen. Wie ein Tor zum Himmel. Ob es die Seelen der Verurteilten aufnehmen würde? Der junge Priester sah im gleichen Moment zum Himmel wie sie selbst. Dorotheas Herz klopfte. Zu gerne würde sie glauben, dass er ihre Gegenwart spürte, die ihm die Kraft geben sollte, die Schreie und den grauenvollen Anblick zu ertragen.


Und für alle, die lieber zuhören möchten:

DWG – Das Allerheiligste

DWG – Das Allerheiligste

Hier hat es schon lange keine Drei-Wort-Geschichten (DWGs) mehr gegeben. Erinnert ihr euch noch? Drei willkürlich ausgewählte und vorgegebene Wörter (passiert im Forum der Schule des Schreibens) und dann eine sehr kurze Geschichte mit ~2.400 Zeichen (einschließlich Leerzeichen). Die letzten drei Wörter des vergangenen Jahres waren: Antiquariat, Bildhauer, Petrischale. Eigentlich gibt es auch noch die Vorgabe: Ort, Protagonist, Gegenstand. Das mit dem Protagonisten – in diesem Fall wäre es der Bildhauer – wird äußerst selten eingehalten. Auch mir ist es diesmal nicht gelungen. Meine Protagonistin ist eine junge Dame. Aber lest selbst …

 

Das Allerheiligste

Zögernd öffnete Laura die Tapetentür in das hinter dem Verkaufsraum verborgene Zimmer. Das Muster der Tapete glich so vollständig den übrigen Regalen, dass man schon genau hinschauen musste, um die Unterbrechung zu erkennen. Laura hatte den Zweck dieses Raumes, den Oma Gesa „Opas Allerheiligstes“ genannt hatte, nie verstanden. Im Antiquariat ihres Großvaters hatte es kaum Laufkundschaft gegeben. Wozu also brauchte Opa Robert diesen Raum?

Laura trat an den wuchtigen Schreibtisch und strich über die polierte Oberfläche. Auf einer Schreibunterlage aus grünem Leder lagen akkurat ausgerichtet ein Federhalter und mehrere Bleistifte. Zwei Dinge zogen ihren Blick magisch an. Das eine war die schwarz glänzende Figurine einer Frau, das andere eine Petrischale, die hier völlig deplatziert wirkte. Aus Marmor gefertigt, schmiegte sich der nackte Körper wie von selbst in Lauras Hand, als sie die Figur vorsichtig aufnahm. Und wie die Farbe des Steins schon anzudeuten schien, zeigte das Gesicht der Frau unverkennbar afrikanische Züge. Der Bildhauer, der sie geschaffen hatte, musste ein Künstler gewesen sein. Sie wirkte so lebensnah, dass sich auf Lauras Armen sämtliche Härchen aufstellten. Wer war diese Frau?

Lauras Blick fiel erneut auf die Petrischale. Sie hob den Deckel und griff nach dem Schlüssel, der dort lag. So offensichtlich lag er da, als wollte er ihr zurufen: Du wirst schon wissen, wofür ich bin. Also los doch. Der Schlüssel passte perfekt in die verschlossene Schreibtischschublade. Laura sah einen Stapel vergilbter Briefe, ein uraltes Fotoalbum, ein Büchlein, das einem Tagebuch glich und obenauf ein Briefumschlag: Geliebte Gesa.

Laura ließ sich schwer in den gepolsterten Schreibtischstuhl fallen. Wann hatte der Opa diesen Brief geschrieben? Oma Gesa war vor drei Monaten an Krebs gestorben. Robert war nicht immer Antiquar gewesen. Er, der in einem früheren Leben als Arzt viele Menschen geheilt hatte, musste ihr Sterben hilflos akzeptieren.
Laura legte den Brief ungeöffnet zurück, griff stattdessen nach dem Tagebuch und schlug es irgendwo in der Mitte auf.
„Wäre ich doch nie dem Ruf des dunklen Kontinents gefolgt. Frau und Kind warten in Deutschland auf meine Rückkehr, aber wie soll ich je von Alemeé lassen …“

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Schreit das nach mehr? Man könnte einen Roman daraus machen. Robert als Arzt “ohne Grenzen” in Afrika und der schönen Alemeé verfallen. Aber so geht es mir oft mit den Drei-Wort-Geschichten. Anfänge findet man immer, mehr daraus zu machen, das ist eine andere Sache.
Rungholt (2) – DWG – Der Legende auf der Spur

Rungholt (2) – DWG – Der Legende auf der Spur

Erinnert ihr euch an meine erste Drei-Wort-Geschichte zum Thema Rungholt? In dieser Woche sind die Stichwörter Hund (Protagonist), Echolot (Gegenstand) und Forum (Ort) vorgegeben. Und ein bisschen surreal sollte es diesmal auch werden. Na denn … warum nicht Rungholt weiterschreiben? Ich füge die erste Geschichte mal vorab zu Erinnerung ein. Viel Spaß beim Lesen.

Rungholts Fluch (1)

Lea strich mit dem Finger sacht über das Lesezeichen, bevor sie das Buch zusammenklappte. Ben hatte es ihr im letzten Jahr zum Valentinstag geschenkt. Es hatte die Form eines Fischs, die Schuppen plastisch in Form kleiner blau-goldener Herzen herausgearbeitet. Ob er geahnt hatte, dass es sie irgendwann weg von München und in den Norden ziehen würde? Björn, der Studienkollege aus Flensburg, hatte mit seinen nordischen Sagen eine Saite bei ihr zum Klingen gebracht, eine Sehnsucht, die gestillt werden wollte. Ben hatte dem Rivalen wenig entgegenzusetzen, als Björn vorschlug, Lea auf eine Forschungsreise zu den nordfriesischen Inseln mitzunehmen.
Rungholt war das Ziel der Unternehmung. Ben hatte nur die Augen verdreht. Rungholt – für ihn war das so unsinnig wie die Suche nach Atlantis. Als sich herausstellte, dass die Exkursion mangels öffentlicher Gelder nicht stattfinden würde, hatte Lea sich längst in Björn verliebt.

Ruhig glitt die gecharterte Jacht über die Wellen der Nordsee. Lea hatte es sich auf dem Sonnendeck bequem gemacht. Vom Segeln verstand sie nichts.
„Musst du nicht“, hatte Björn ihr versichert. „Ich mach das schon. Glaub mir, ich weiß inzwischen genau, wo wir suchen müssen. Stell dir mal vor, wie es sein wird, wenn ich endlich beweisen werde, wo Rungholt exakt lag. Ich werde es finden.“ In seinen Augen erschien dieses Glitzern, das ihn so anziehend machte.
„Ein Blender“, war Bens bitterer Kommentar, bevor er den Rückzug angetreten hatte. „Pass auf dich auf.“

Wind kam auf, stärker als sie es in den letzten Stunden erlebt hatte. Lea sah zum Horizont. Er erschien ihr dunkel, furchteinflößend. Wo waren sie eigentlich genau? Musste nicht Pellworm längst in Sichtweite sein? Die Zeilen aus Liliencrons Gedicht kamen ihr unwillkürlich in den Sinn:
„Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
liegen die friesischen Inseln im Frieden.
Und Zeugen weltenvernichtender Wut,
taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.“

Lea biss sich auf die Lippen. Björn war unter Deck. Sah er nicht, dass das Wetter sich änderte? Verdammt, wo steckte er denn? Als sie aufstehen wollte, rollte eine gewaltige Woge auf sie zu.
Lea schrie auf. Björn streckte den Kopf durch die Luke. Er war kreidebleich.
„Das Segel, wir müssen das Segel …“ Eine Böe erfasste das Tuch, der Baum schlug um.

Als Lea unter Wasser ein letztes Mal die Augen öffnete, sah sie die goldene Kirchturmspitze.

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Der Legende auf der Spur (2)

„Bist du bereit, Flint?“
Ben fuhr dem Labrador über das glänzende Fell. Mit der Nase hing sein treuer Begleiter weit über dem Rand der Motorjacht, wo das Echolot seit Stunden widersprüchliche Reaktionen zeigte. Mal schien der Meeresboden nah zu sein, dann wieder signalisierte es unendliche Tiefe.
Viele Jahre hatte es gedauert, bis die immer häufiger auftretenden Sturmfluten im Norden zurückgegangen waren. Ganze Landstriche waren an den Küsten von Nord- und Ostsee im Wasser verschwunden. Klimawandel, war die lapidare Erklärung der Experten. Rungholts Fluch, munkelte man unter den Einheimischen, die ihr Hab und Gut verloren hatten. Und plötzlich stand Björn vor Bens Tür, weißhaarig und um Jahrzehnte gealtert. Und erneut faselte er von Rungholt, vom Glockengeläut unter Wasser, von Leas Rufen, die noch in seinen Ohren gelten, als man ihn halbtot aus den Wellen geborgen hatte. Ben wies ihm die Tür. Wenige Tage später fand man den Alten tot auf einem Dachboden, erhängt. Neben ihm lag Flint, der junge Labrador, den Björn mitgebracht hatte.

Sie waren soweit. Ben hatte das Schwimmen und Tauchen zusammen mit Flint zur Perfektion gebracht. Er überprüfte den Sitz des wasserdichten Backpacks. Wenn auch nur ein einziges Wort mehr als Sage war, konnte er schlecht im Neopren durch die mittelalterliche Stadt laufen. Du musst doch völlig verrückt sein!
Sie sprangen.

„Mama!“ Das Mädchen mit den goldblonden Locken zerrte an der Hand seiner Mutter, die auf dem großen Marktplatz an einem Stand Halt gemacht hatte. Mit seinen Säulen und Arkaden, dem Lärm und dem Gewirr unterschiedlicher Sprachen und dem überbordenden Warenangebot war der Platz einem römischen Forum nachempfunden. Die Rungholter zeigten der Welt ihren Reichtum gern.
„Schaut euch den Wolfsbarsch nur an, Herrin. Ganz frisch.“ Der Händler nahm den Fisch auf und reichte ihn der Frau in den kostbaren Gewändern einer Ratsherrin.
„Wie kann frisch sein, was nicht aus unseren Gewässern stammt?“ Lea rümpfte die Nase. „Zeig mir den Steinbutt.“
„Mama!“ Endlich schaffte es Eevke, die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf sich zu lenken. „Schau doch mal da drüben. Der Mann mit dem Hund. Er starrt uns schon die ganze Zeit an.“
Leas Blick folgte dem ausgestreckten Arm ihrer Tochter. Ihr wurde schwindlig. Bilder, Namen, Erinnerungen wirbelten ihr durch den Kopf. Was war das? Wer war das? Ben. Ben? Sie verlor das Bewusstsein und schlug hart auf dem Boden auf.

Schuld (Verführung)

Schuld (Verführung)

Und mal wieder eine DWG (Drei-Wort-Geschichte) mit den Vorgaben: Fegefeuer, Angsthase und Sandalen. Unter dem Titel “Verführung” habe ich sie im Forum der Schule des Schreibens eingestellt. Dort kam offenbar die Rückblende nicht so deutlich rüber, wie ich es mir gedacht hatte. Aus solchen Irritationen lernt man dazu. Deshalb habe ich jetzt hier noch stärker mit Plusquamperfekt (Vorvergangenheit) und einfacher Vergangenheit (Präteritum) den Wechsel betont. Ich hoffe, es wird nun klarer. Viel Spaß beim Lesen.

 

Schuld

Schweiß tropfte Ragnar von der Stirn, als er sich Schritt für Schritt dem Rand des Kraters näherte. Als Geowissenschaftler konnte er Risiken einschätzen. Er arbeitete nicht zum ersten Mal in einem Gebiet, in dem ständig mit Eruptionen zu rechnen war. Aber diesen Vulkan hatte er seit jenem Tag vor fünfunddreißig Jahren gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Ein Blick in die Tiefe, und sein ganz persönliches Fegefeuer würde die Krallen nach ihm ausstrecken.
Lass es, kehre um! Du musst dir das nicht antun. Niemand hatte Ragnar je einen Feigling genannt. Alle respektierten den baumlangen Kerl. Geschickt hatte er bisher alle Aufträge in diesem Gebiet umgehen können. Schwindel erfasste den Sechzigjährigen. Ragnar suchte Halt an einem Felsen, der neben ihm aufragte. Er öffnete den Hüftgurt seines Rucksacks und ließ ihn einfach fallen, bevor er sich setzte und die Augen schloss.

„Na komm schon, Ragnar.“ Glockenhell hatte Elva ihn gelockt und gleichzeitig verspottet. Die Fünfzehnjährige war geschickter als jede Gebirgsziege vor ihm her geklettert. Immer weiter hinauf, obwohl sie völlig ungeeignete Kleidung trugen. Ragnar hatte gewarnt und gemahnt. Elva schien völlig immun gegen alles, was er sagte. Eine Woche war es her, dass er ihrem Drängen nachgegeben und zum ersten Mal mit ihr geschlafen hatte. Seitdem lebte sie wie in einem unaufhörlichen Rausch.
„Verdammt, jetzt komm zurück, Elva. Du kannst mit diesen lächerlichen Sandalen nicht bis zum Krater. Das ist zu gefährlich. Sei nicht blöd.“
„Komm schon, du Angsthase. Wir sind unsterblich. Weißt du das nicht?“

Wieder dieses Lachen. Elva war weitergegangen, immer weiter. Ihm war klargewesen, dass es nur eine Möglichkeit gegeben hätte, sie zu stoppen. Er selbst hätte umkehren müssen. Sollte sie ihn doch einen Feigling nennen. Aber Ragnar war nicht umgekehrt. Wie hätte er dagestanden? Elva himmelte ihn an. Ihn, den erwachsenen Mann, der sie zur Frau gemacht hatte. Auch das hätte nicht passieren dürfen.
Weiter ging es, immer weiter, bis sie den Rand des Kraters erreicht hatten. Der Schwefelgeruch stach ihnen schon lange zuvor in die Nase. Im Untergrund war der Vulkan aktiv. Immer. Selbst mit vernünftigen Schuhen war das Klettern alles andere als ungefährlich. Sie mussten umkehren.

Dann der Schrei. Dann nichts mehr.

Ragnar nahm den Rucksack auf und begann den Abstieg. Vielleicht in einem Monat, in einem Jahr …

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Vielen Dank an Farrah Fuerst by unsplash für das Headerbild

Kurzgeschichte: Rungholts Fluch

Kurzgeschichte: Rungholts Fluch

Wenn man ein Buch beendet hat, bekommt man allmählich den Kopf auch wieder für Neues frei. Im Forum der Schule des Schreibens sind einige Wortkombinationen an mir vorbeigerauscht. Die aktuellen drei Wörter haben mich aber magisch angezogen: Rungholt, Rivale und Lesezeichen.

Vor Kurzem erst habe ich in meinem anderen Blog für das Projekt DigitalArt eine Bildbearbeitung gezeigt, die ich wechselweise mal Atlantis oder eben Rungholt benannt habe. Vielen ist Rungholt, die in der Nordsee versunkene Stadt, kein Begriff. Ich muss zugeben, dass ich auch erst wieder durch das Lied “Rungholt” der Band “Santiano” darauf aufmerksam wurde. Ich habe mich allerdings früher schon einmal damit beschäftigt, ähnlich wie mit Haithabu. Ich liebe Sagen und Legenden.

Hier also meine Drei-Wort-Geschichte. 2.400 Zeichen sind eigentlich viel zu wenig. Ich werde mir ernsthaft überlegen, ob ich aus dieser Sache nicht noch mal etwas wesentlich Längeres mache. Viel Spaß beim Lesen.

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Rungholts Fluch

Lea strich mit dem Finger sacht über das Lesezeichen, bevor sie das Buch zusammenklappte. Ben hatte es ihr im letzten Jahr zum Valentinstag geschenkt. Es hatte die Form eines Fischs, die Schuppen plastisch in Form kleiner blau-goldener Herzen herausgearbeitet. Ob er geahnt hatte, dass es sie irgendwann weg von München und in den Norden ziehen würde? Björn, der Studienkollege aus Flensburg, hatte mit seinen nordischen Sagen eine Saite bei ihr zum Klingen gebracht, eine Sehnsucht, die gestillt werden wollte. Ben hatte dem Rivalen wenig entgegenzusetzen, als Björn vorschlug, Lea auf eine Forschungsreise zu den nordfriesischen Inseln mitzunehmen.

Rungholt war das Ziel der Unternehmung. Ben hatte nur die Augen verdreht. Rungholt – für ihn war das so unsinnig wie die Suche nach Atlantis. Als sich herausstellte, dass die Exkursion mangels öffentlicher Gelder nicht stattfinden würde, hatte Lea sich längst in Björn verliebt.

Ruhig glitt die gecharterte Jacht über die Wellen der Nordsee. Lea hatte es sich auf dem Sonnendeck bequem gemacht. Vom Segeln verstand sie nichts.
„Musst du nicht“, hatte Björn ihr versichert. „Ich mach das schon. Glaub mir, ich weiß inzwischen genau, wo wir suchen müssen. Stell dir mal vor, wie es sein wird, wenn ich endlich beweisen werde, wo Rungholt exakt lag. Ich werde es finden.“ In seinen Augen erschien dieses Glitzern, das ihn so anziehend machte.
„Ein Blender“, war Bens bitterer Kommentar, bevor er den Rückzug angetreten hatte. „Pass auf dich auf.“

Wind kam auf, stärker als sie es in den letzten Stunden erlebt hatte. Lea sah zum Horizont. Er erschien ihr dunkel, furchteinflößend. Wo waren sie eigentlich genau? Musste nicht Pellworm längst in Sichtweite sein? Die Zeilen aus Liliencrons Gedicht kamen ihr unwillkürlich in den Sinn:
„Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
liegen die friesischen Inseln im Frieden.
Und Zeugen weltenvernichtender Wut,
taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.“

Lea biss sich auf die Lippen. Björn war unter Deck. Sah er nicht, dass das Wetter sich änderte? Verdammt, wo steckte er denn? Als sie aufstehen wollte, rollte eine gewaltige Woge auf sie zu.
Lea schrie auf. Björn streckte den Kopf durch die Luke. Er war kreidebleich.
„Das Segel, wir müssen das Segel …“ Eine Böe erfasste das Tuch, der Baum schlug um.

Als Lea unter Wasser ein letztes Mal die Augen öffnete, sah sie die goldene Kirchturmspitze.

 

DWG – Eins nach dem anderen

DWG – Eins nach dem anderen

Hier kommt die erste Drei-Wort-Geschichte im neuen Jahr, geschrieben allerdings noch im Dezember 2018. Für alle, die hier zum ersten Mal auf das Kürzel DWG stoßen: Es handelt sich um kleine Geschichten, die drei vorgegebene Wörter enthalten müssen und nicht (viel) mehr als 2.400 Anschläge haben dürfen. Die Idee stammt aus dem Forum der Schule des Schreibens, dort werden alle zwei Wochen auch die Wörter gezogen. Die oftmals sehr abgefahrene Mischung ist also Zufall. In dieser Geschichte waren es die Wörter: Ausgrabungsstelle, Schleimer und Zahnspange.
Viel Spaß beim Lesen.


Eins nach dem anderen

„Lea, hast du heute schon die Zeitung gelesen?“ Ben sah sich nach seiner Mitbewohnerin um, die sich an der Kaffeemaschine zu schaffen machte. Verschlafen drehte sich die junge Frau nach ihm um.
„Wie denn? Bin doch eben erst aufgestanden. Die Besprechung gestern Abend ist etwas aus dem Ruder gelaufen.“ Sie gähnte und hielt sich schnell die Hand vor den Mund. Ben grinste. Er wusste, dass sich die Fünfundzwanzigjährige für ihre Zahnspange schämte. Ihn störte es wenig, und wie sie so dastand, im Pyjama mit aufgelöstem Zopf, fand er Lea zum Anknabbern.
„Warum? Wisst ihr etwa schon, dass das Neubaugebiet im Kaltenbacher Grund freigegeben wurde?“
„Was?“ Lea fuhr herum und riss ihm die Zeitung aus der Hand. Da stand es schwarz auf Weiß: „Die Archäologen ziehen sich von der Ausgrabungsstelle Kaltenbacher Grund zurück, nachdem dort keine weiteren Erkenntnisse zu der vermuteten steinzeitlichen Besiedelung gewonnen werden konnten. Der Bebauung steht nichts mehr im Weg.“

In den vergangenen Monaten hatten Archäologen, Biologen und Paläontologen Hand in Hand gearbeitet, um die Geheimnisse des von Höhlen durchzogenen Kaltenbacher Grunds zu erforschen. Während die Einen auf steinzeitliche Knochenfunde hofften, vermutete Leas Gruppe um Professor Gernstein, dass sie in den Höhlen auf den als ausgestorben geltenden Schleimer (Proteus mucosus), einen Verwandten des slowenischen Grottenolms stoßen könnten.
„Dass darf doch nicht wahr sein!“ Lea ließ sich schwer auf den Küchenstuhl fallen. „Genau das haben wir befürchtet. Gernstein hat sich völlig auf die Archäologen verlassen. Und gestern Abend ist er nicht einmal zu unserer Versammlung gekommen. Wenn wir den Schleimer nicht nachweisen können, ist meine Diplomarbeit gestorben.“

Ben warf Lea einen unsicheren Blick zu. Wie würde sie wohl die nächste Nachricht aufnehmen? Er räusperte sich.
„Da ist noch etwas, Lea. Gestern Abend hat Tarek angerufen. Eigentlich wollte er dich sprechen, aber …“
„Mist! Der Akku vom Handy war mal wieder leer. Was wollte er denn?“ Lea bemühte sich um eine neutrale Miene. Ben musste nicht wissen, dass sie total in Tarek verknallt war. Der attraktive Polizeimeister, der sie immer ein bisschen an Elyas M’Barek erinnerte, hatte ihr Herz im Sturm erobert, seit Ben ihn kürzlich auf eine Party mitgebracht hatte. „Ihm ist doch nichts passiert?“
„Tarek ist in Ordnung, Lea. Aber er war gestern Abend im Kaltenbacher Grund, als man Gernsteins Leiche gefunden hat.“
„O Gott!” Vor lauter Schreck vergaß Lea die Tasse unter die Maschine zu stellen und das kostbare Gebräu ergoß sich gurgelnd und zischend in die Auffangschale.


Für das Headerbild wurde ein Motiv von Daniel Lincoln by Unsplash benutzt und von mir bearbeitet. Danke dafür.
Der Proteus mucosus ist eine eigene Erfindung, die sich an der Bezeichnung für den Grottenolm – Proteus anguinus – orientiert hat.