Die folgende Kurzgeschichte basiert auf der DWG vom vergangenen Freitag. Vorgegeben waren die Wörter San-Andreas-Graben, Schokoladentafel und Teufel. Mir war es zwar gelungen eine DWG in 2.400 Zeichen zu packen, aber so richtig gefallen hat sie mir nicht. Ich habe sie daher umgeschrieben und komme jetzt auf 3.300 Zeichen (mit Leerzeichen).

Die klassische Kurzgeschichte kennt keine Einleitung. Deshalb wurde im Forum der Schule des Schreibens auch mein erster – damals noch kürzerer Absatz – kritisch betrachtet. Ich habe ihn nun nicht etwa gestrichen, sondern sogar erweitert, weil ich ihn einfach wichtig finde. Oder ihn mag. Oder so 😉  Ich gebe zu, das ist so ein Punkt, an dem ich mich auch immer mit einem / einer Lektor*in streiten würde. Deshalb hab ich keine(n). Hier auf meinem Blog, darf ich schreiben, wie ich es für richtig finde. Und deshalb bekommt ihr die Story jetzt mit Einleitung. Ach so – das Ganze bewegt sich ein bisschen zwischen Krimi und Horror. Nur damit ihr Bescheid wisst, was euch erwartet.

Das Headerbild stammt von Frank Schulenburg


Der Leuchtturm von Point Reyes

 

Sie waren seit Stunden unterwegs. Meile reihte sich an Meile, immer weiter nach Norden. In den ersten Tagen hatte der Anblick der Pazifikküste Zoë überwältigt. Inzwischen nervte sie diese Reise nur noch, die sich ausschließlich an Marcs Semesterarbeit über den San-Andreas-Graben orientierte. Und dann hatte sie beim letzten Stop diese alte Zeitung gefunden, mit einer schaurigen Geschichte über einen Serienmörder. Genau auf ihrer Route. Zoë wollte zurück nach San Francisco und endlich wieder nach Hause. Aber Marc bestand auf seinem allerletzten Ziel, dem Point Reyes National Seashore, einer Halbinsel, geprägt von der Plattentektonik des San-Andreas-Grabens.

„Wie weit noch?“, maulte Zoë. „Ich hab Hunger, verdammt!“
„Im Handschuhfach ist …“
„Deine angebissene Schokoladentafel aus der Steinzeit. Vergiss es!“
„Schau mal, wir sind fast da.“
Marc deutete nach links, wo sich in einiger Entfernung das Point Reyes Lighthouse weiß und rot gegen das Blau von Meer und Himmel abzeichnete.

Das Entsetzen war Sheriff Collister ins Gesicht geschrieben. Die Augen schien aus den Höhlen zu quellen, als er endlich hustete und den Kaugummi in hohem Bogen ausspuckte. Er landete neben dem Pärchen im Gras.
„Fuck! Wer zum Teufel hat die so zugerichtet?“
„Geht’s wieder?“, fragte Constable Nicki Warren mitfühlend. „Teufel ist vielleicht gar nicht so falsch. Die ganze Küste entlang nennen sie ihn schon den Teufel vom San-Andreas-Graben.“
„Du meinst, das geht auf das Konto dieses Serienmörders?“ Collister nahm Haltung an. Das fehlte noch, dass er sich vor der Kollegin als Weichei outete.
„Sieht ganz danach aus. Ausgeweidet nenne ich das.“ Wie bei den Karibus, die Dad nach wie vor schießt, dachte Nicki. Sie hasste es, wenn ihr Vater auf die Jagd ging. Als ob es Fleisch nicht in jedem Supermarkt zu kaufen gäbe.
„Oder einer, der ihn nachahmt.“
Collister nickte. Wie konnte dieses junge Ding nur so cool bleiben? Vorsichtig beugte er sich über die Leichen.
„Warten wir auf den Doc. Aber ich schätze, du hast recht.“
Zwei Kopfschüsse hatten den Mann und die Frau getötet. Schlimmer war aber der Anblick der aufgeschlitzten Körper, denen man offenbar Herzen und Leber entnommen hatte.
Collisters Funkgerät meldete sich. Hier draußen im Point Reyes Schutzgebiet vertraute er lieber der alten Technik als einem Mobilphone.
„Okay, dauert noch einen Moment, bis der Doc eintrifft. Was hältst du davon, wenn wir das hier den Jungs überlassen und mal zum Leuchtturm rübergehen? Dein Vater hat doch alles im Blick. Vielleicht hat er etwas bemerkt?“
Keine schlechte Idee, dachte Warren. Ihr Dad hasste die Touristen, die im Sommer die Insel überrannten, und beobachtete ihre Aktivitäten akribisch durch sein Fernglas. Es war schon zu dem einen oder anderen Handgemenge gekommen und manchmal hatte sie Angst, dass der Alte zum Gewehr greifen könnte. Eigentlich ein Wunder, dass er noch nicht aufgetaucht war.
Collister sah auf die Uhr. Gleich Mittag. Sein Magen meldete sich. Vielleicht konnte man das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Die Warrens wohnten in dem kleinen Anbau neben dem Leuchtturm und Sue Warren war für ihre phänomenalen Eintopfgerichte bekannt.

Aus der Küche duftete es verführerisch.
„Hi Chief, hi Nicki. Ihr kommt genau richtig. Essen ist fertig.“
„Was gibt’s denn, Mum?“
„Leber, ganz frisch.“